Geisterstunde
Gefühlt hätte der Stoff für zwei, drei Opern gereicht. Doch Rodolphes Vernarrtheit in Agnès, die seinen Bruder heiraten muss, das Auffliegen dieser Liebe, Rodolphes Verbannung – all das geschieht im ersten Akt von Gounods «Nonne sanglante». Da gespenstert die blutige Gottesbraut noch gar nicht durch die Gänge. Agnès soll als besagte Nonne verkleidet fliehen. Stattdessen läuft Rodolphe der echten in die Arme und macht versehentlich der falschen Versprechungen.
Fortan muss er allmitternächtlich quality time mit ihr verbringen – dabei wird durch den Tod des Bruders gerade Agnès wieder frei. Loswerden kann Rodolphe den unheiligen Geist aber nur, wenn er seinen Vater, den Grafen Luddorf, meuchelt, der die Nonne (dessen Ex) einst ermordete. Rodolphe schafft’s nicht, wird abermals gejagt. Zum Glück läuft der von Reue geplagte Vater ins eigentlich für Rodolphe reservierte Messer. Ende gut, alles gut!
Gegen Matthew Gregory Lewis’ Schauerroman «Der Mönch» ist das noch nichts – dort liefert die Nonnen-Episode, aus der Eugène Scribe (eigentlich für Berlioz) das Libretto fertigte, lediglich einen Nebenstrang. 1854 kam Gounods Vertonung an der Pariser Opéra heraus, wurde jedoch nach nur elf ...
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Opernwelt August 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Wiebke Roloff
Eigentlich sollte die «Kacke», wie eine Presseagentur mit Feinsinn anmerkte, im nächsten Jahr so richtig «am Dampfen» sein. Denn dann wollte der amerikanische Rauschebart und Universalkünstler Paul McCarthy, bekannt durch seine Kapitalismuskritik sowie unter anderem durch seine (kapitalistisch grundierten) Pimmel- und Fäkal-Exzesse, den hippen Schwerpunkt für die...
Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....
Die Vorstellung ist absurd: ein Opernhaus ohne Intendant, ohne Chefregisseur und ohne Musikchef. Führungslos, ratlos, ideenlos. Was eigentlich nur kühnste Fantasie zu ersinnen vermag, ist in der Pokrovsky Kammeroper demnächst Realität. Und wie es aussieht, wird das Moskauer Theater als solches nicht mehr existieren.
So ernüchternd die Zukunftsaussichten, so...
