Freunde, kommt ins Offene!
Der Racheengel trägt Rot: giftig glühendes Scharlachrot. Auf den Lippen, über den Knien, um Schultern und Hüften. Kühl-mondän, einen Hauch verwegen präsentiert sich die Pariser Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux in ihrem delikat dekolletierten Kleid an diesem Abend, der für sie die einmalige Chance bereithält, ihre von den Nazis hingeschlachtete Familie zu rächen. Nicht eine Sekunde hat die junge Frau, deren wahrer Name Shosanna Dreyfus lautet (und die von Mélanie Laurent unvergleichlich gut gespielt wird), vergessen, was vor drei Jahren geschah.
Nun will sie nur noch eines: die Täter auslöschen. Der Preis ist hoch, sie liebt ihr Kino. Aber Shosanna kann nicht anders, sie muss das Unvermeidliche tun. Also setzt sie das Gebäude in Brand, mit Hilfe ihres Partners Marcel (Jacky Ido). Die Glut seiner Zigarette ist es, die, während drinnen der Propagandastreifen «Stolz der Nation» läuft, in den Haufen von Nitrofilmbändern fällt und jenes Inferno in Gang setzt, dem die gesamte Nazi-Prominenz zum Opfer fällt: Hitler, Goebbels, Göring, Bormann. Aber auch sie selbst, Shosanna Dreyfus alias Emmanuelle Mimieux, stirbt.
Das Kino steht heute noch. War ja nur ein Film. Allerdings ein brillant ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Reportage, Seite 50
von Jürgen Otten
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