Frau ohne Eigenschaften
Jüngere Auseinandersetzungen mit Puccinis «Madama Butterfly» verzichten meist auf Exotismus und Couleur locale. Christof Nel legte in Frankfurt seinen Schwerpunkt auf die Kindfrau-Thematik, Calixto Bieito interessierte sich in Berlin für das davon nicht so weit entfernte Thema Sextourismus, Jarg Pataki erzählte in Freiburg die Geschichte aus der Perspektive des erwachsenen Kindes von Cio-Cio San, und bei Jetske Mijnssen in Basel wurde Puccinis «japanische Tragödie» kürzlich zum Drama allgemeiner gesellschaftlichen Verelendung.
Was aber passiert, wenn, wie nun bei Katharina Wagner am Staatstheater Mainz, der gesamte Naturalismus aus dem Geschehen gleichsam getilgt wird und sich der Fokus auf eine Figur richtet, die sonst eher in der zweiten Reihe steht: auf Goro, den intriganten Heiratsvermittler? Im Grunde ein spannender Ansatz, mit dem die Bayreuther Festspielleiterin bei ihrer zweiten Regie-Begegnung mit Puccini aufwartet. Wenn er denn zu Ende gedacht würde! Doch am Ende des Abends, wenn sich die Titelheldin im aufrechten Gang dem über allem thronenden Goro zuwendet, wähnt man sich in einer mythischen Melange: Liebestod, Hohepriesterin, Klingsor der Zauberer – es wabert ...
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