Anfang und Ende

Jeder kennt den Stil von Carl Orff, dessen «Carmina Burana» selbst Discos und Lightshows einheizen. Aber wie klang Orff, bevor er zu Orff wurde? Das Darmstädter Staatstheater brachte jetzt «Gisei», ein Musikdrama des 18-Jährigen, zur Uraufführung. Und kombinierte es mit «De temporum fine comoedia» aus dem Jahr 1973. Ein denkwürdiger Abend, der ein ganzes Komponistenleben umspannte

Opernwelt - Logo

In seinem autobiografischen Rückblick hat Carl Orff mit der ihm eigenen Nüchternheit über «Gisei» den Stab gebrochen und das Werk an den Beginn seiner «jugendlichen Schiffbrüche» gestellt. Was ihn 1913 bewog, den Einakter zu schreiben, war der Versuch, zwei Strömungen der Zeit – Debussys Revolutionierung der Musik und die Faszination durch das japanische Theater – zur Deckung zu bringen. Die Absicht, aus der krausen Vorlage ein europäisches Musikdrama herauszupressen, musste misslingen, weil fernöstliches Ritualtheater und freudianische Psychologisierung einander ausschließen.

Aufschlussreich ist die Stoffwahl vom Opfertod des japanischen Kindes allemal – «Gisei» ist das japanische Wort für Opfer –, weil sie zeigt, dass das Thema von Schuld und Sühne schon den jungen Orff umtrieb. Im Unterschied zum Menetekel der Menschheit im «Spiel vom Ende der Zeiten» geht es hier um eine individuelle Tragödie, bei der Matsuo und sein Weib Chiyo ihre Mitschuld am Tod des Kanzlers Michizane sühnen, indem sie ihr eigenes Kind dem Tod weihen, um so das Söhnchen des Ermordeten zu retten. Orff stand damals nicht nur im Banne Debussys, sondern auch Maeterlincks. Und so hat er dem kargen japanischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Räuber in der Puppenstube

«Il corsaro» und «Luisa Miller» in Zürich, «Macbeth» in Straßburg und Mülhausen und «I masnadieri» nach Schillers «Räubern» in Karlsruhe. Über den Verdi vor der Reifetrilogie kann man sich im deutschen Südwesten, im Elsass und der östlichen Schweiz derzeit nach Herzenslust informieren. Beispiel «I masnadieri» von 1847: Da ist etliche unbedarft zündende Routine im...

Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik



Rund zwanzig Jahre lang blühte im barocken Bayreuth die Hofmusik. 1737 wurden die ersten Musiker verpflichtet, 1756 marschierte Friedrich II. in Sachsen ein, der Siebenjährige Krieg begann. Zwei Jahre später starb Wilhelmine, seine Schwester: jene Frau, der der Aufschwung in der markgräflichen Provinz zu verdanken ist. In ihrem neuen Buch beleuchtet Sabine...

Der depravierte Führer

Der Anfang ist apart. Während die Musik Takt für Takt  zur Besinnung (und richtigen Intonation) gelangt, erleben wir auf der Bühne die Vision einer Vision. Sie spielt in einem opulenten Arbeitszimmer, das den Blick panoramagleich freigibt auf eine Landschaft aus schneebedeckten Bergen. Über allen Gipfeln Ruh’, vitalisierte Luft, Obersalzberg, das Gefühl von...