Fragezeichen
«Friedenstag» ist die am wenigsten gespielte und zweifellos heikelste Oper von Richard Strauss. Uraufgeführt 1938, wurde sie sofort von der NS-Propaganda vereinnahmt, was angesichts des Sujets problemlos gelang.
Der Kadavergehorsam eines Kommandanten, der seine belagerte Stadt aus Treue zum Kaiser lieber in die Luft sprengt, als sie dem Feind zu überlassen, dann aber auch eine lange Friedensapotheose: Beides passte perfekt ins Konzept des Tausendjährigen Reiches, das sich bekanntlich betont friedlich gab, bevor es den Krieg auslöste – und dafür die Oper genauso nutzte wie die Olympischen Spiele. Andererseits stammt der Entwurf zum Libretto von Stefan Zweig, der als jüdischer Pazifist nach «Die schweigsame Frau» nicht mehr mit Strauss zusammenarbeiten konnte. Und ein so hellhöriger Regisseur wie Peter Konwitschny, der «Friedenstag» in Dresden inszenierte, glaubte an das Stück und setzte auf die Nähe zum Jubel-Finale des «Fidelio»: der Frieden als Wunder. In der Wissenschaft gehen die Einschätzungen auseinander. Während noch Carl Dahlhaus das hämmernde C-Dur des Finales als «Fassade ohne Risse und Brüche» hörte und das «Wunder» des Friedens als anrüchig empfand, zieht sein Schüler Michael Heinemann eine Parallele zu Hindemiths «Mathis der Maler»: Gesucht werde «nach der Möglichkeit der Gestaltung von Kunst zu Zeiten der Diktatur». Strauss’ Antwort sei überzeitlich intendiert gewesen, aber natürlich aktuell kontaminierbar. ...
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Opernwelt November 2014
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Stephan Mösch
Zwei prominente Urteile über Richard Strauss gibt es, die widersprüchlicher kaum sein könnten. Er sei «ein so fabelhaft unraffinierter Mensch», meinte sein Librettist Hugo von Hofmannsthal 1909 über ihn in einem Brief an Harry Graf Kessler, und habe «eine fürchterliche Tendenz zum Trivialen, Kitschigen in sich». Gut zwei Jahrzehnte später schrieb der nächste...
Es ist ja nicht so, dass man Schuberts heroisch-romantische Oper «Fierrabras» nicht ernst nehmen könnte. Ruth Berghaus und Claudio Abbado haben sie in Wien 1988 ernst genommen, Enge und Sehnsüchte der Metternich-Zeit herausgehört, Schwerter und Kreuze als Einheit gedeutet und das Stück wieder ins Bewusstsein geholt. Nach längerer Pause gelang Claus Guth und Franz...
Sir Neville, Sie waren einer der wichtigsten Dirigenten der Sechziger- bis Achtzigerjahre – bis die Spezialisten der Alten Musik kamen und Ihnen das Repertoire entrissen. Haben Sie mit denen eine Rechnung offen?
Nein, ich war eher erfreut. Der Siegeszug der historischen Aufführungspraxis hatte zur Folge, dass wir uns fortbewegen konnten und nicht immer dasselbe...
