Fehlgeburt
Kann der Royal Opera noch Schlimmeres passieren als das Buhgebrüll, das letzten Sommer in Damiano Michielettos «Guillaume Tell» losbrach? Ja. Und zwar Gelächter. Man hatte diesmal die Abonennten vorsichtshalber gleich vor den sexuell expliziten, brutalen Szenen in Katie Mitchells Inszenierung der «Lucia di Lammermoor» gewarnt. Schon zeterten Zyniker, Covent Garden wolle die Produktion bloß vor der Premiere künstlich ins Gespräch bringen.
Mitchell und ihre Ausstatterin Vicki Mortimer ließen verlauten, sie wollten Donizettis Schauerstück feministisch zu Leibe rücken – und schon kochte die Sexismus-versalzene Diskussionssuppe über.
«Lucia» als exemplarisches Frauenschicksal zu deuten, ist ja nicht abwegig. Das Problem weiblicher Machtlosigkeit ist in diesem Stück so augenfällig wie die Besessenheit des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Hysterie. Louise Augustine Gleizes jedenfalls, jene berühmte Hysterikerin, die während der 1870er-Jahre in den Dienstagsvorlesungen des Neurologen Jean Martin Charcot am Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière vorgeführt wurde, ließ sich von den erotischen Gewaltfantasien der Sopranarie «Il dolce suono» gern inspirieren.
Weiberwahn als Performance: ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anna Picard
Um 1910 begeisterten sich viele italienische Autoren fürs Dekadente. Der im Schatten D’Annunzios dichtende Sem Benelli machte mit dem 1909 uraufgeführten Stück «La cena delle beffe» Furore. Bühnenstars wie Edvige Reinach und Sarah Bernhardt fingen Feuer an dem grellen Versdrama über bestialischen Sozialdarwinismus: Im Florenz der Jahre um 1480 – eine Generation...
Dass man diesen ungekürzt gegebenen, fast vier Stunden dauernden »Mathis« sofort noch einmal hören möchte – das ist zunächst einmal Markus Marquardt zu danken, der bereits dem mordenden Goldschmied Cardillac (2009 unter Fabio Luisi, in einer Inszenierung von Philipp Himmelmann) am Uraufführungsort prägnant Stimme und Gestalt verliehen hatte, und nun Mathis, diesen...
Wie sagt man so schön? Gebranntes Kind scheut das Feuer. Für mich steht demnächst eine Produktion in einem Opernhaus an, in dem ich vor ungefähr 20 Jahren mal so richtig versengt wurde.
Natürlich übertreibe ich maßlos, wie immer. In Wahrheit war die Geschichte nicht besonders markerschütternd. Vor allem nicht besonders besonders. Einfach eine von denen, die manche...
