Erfundene Wirklichkeiten

Seltener Verdi: «I masnadieri» in Essen, «Les Vêpres siciliennes» in Frankfurt, «Macbeth» in Mainz

Opernwelt - Logo

Kaum eine Verdi-Darstellung verzichtet darauf, den bekanntesten Brief des Kom­ponisten zu zitieren: «Das Wahre kopieren mag eine gute Sache sein, aber das Wahre erfinden ist besser, viel besser.» Aus dieser spontanen Äußerung nach dem Besuch eines zeitgenössischen Schauspiels ein ästhetisches Credo abzuleiten, ist so verführerisch wie riskant – umso mehr, als das von Verdi verwendete Wort «il Vero» auch das «Wirkliche», also die Realität bedeuten kann.

Die Ambivalenz zwischen dem Wahren und dem Wirklichen führt dennoch – ganz im Sinne seines großen künstlerischen Vorbilds Alessandro Manzoni und dessen Roman «I promessi sposi» – genau ins Zentrum des ästhetischen Kalküls, dem Verdis Musiktheater folgt, das (anders als das Wagners) nicht auf mythischen, sondern auf historischen und literarischen Stoffen beruht. Das fordert ihre Aktualisierung auf dem Theater geradezu heraus, macht den Umgang mit dem politischen Gehalt seiner Opern aber ungleich schwieriger als im Falle Wagners, bei dem jede reale szenische Konkretisierung des Mythos greift, wenn sie nur kontingent strukturiert ist.

Verdis «I masnadieri» nach Schiller entstand zur selben Zeit wie «Macbeth». Allein schon die Nähe zum ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
«Wo für Dich kein Platz ist, hab' ich auch nichts zu suchen!»

Ein Dirigentenstar als Vorkämpfer der Avantgarde – diese Konstellation gibt es in der Interpretationsgeschichte des 20. Jahrhunderts nur höchst selten. Als 1923 der Klavierauszug von Alban Bergs «Wozzeck» erschien, war der gerade zum Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper ernannte Erich Kleiber der Einzige, der sich für die Uraufführung des Werks...

Im Westen nichts Neues

Off-Grand» lautet der programmatische Name der neuen Reihe, mit der die Los Angeles Opera Zuschauerkreise ansprechen möchte, die sich für Werke jenseits des Mainstream-Repertoires interessieren. Eröffnet wurde die Reihe im Performing Arts Center des Santa Monica College mit einer Uraufführung – «Dulce Rosa», der neuen Oper des U.S.-Amerikaners Lee Holdridge, der...

Vergissmeinnicht

Auf der Bühne des Berliner Radialsystems V ist, abgesehen von den Musikern, keiner unter sechzig: In «Dem Weggehen zugewandt», einem Projekt von Union Universal und dem Solisten-ensemble Kaleidoskop, geht es um Alter, körperliches Versagen, Demenz, Tod. Sechs Darsteller, die mit den Streichinstrumenten feste Beziehungen eingehen, rezitieren teils klischeehafte,...