Der geknetete Geist

Das treibt jeden Kritiker um: Wie lässt sich Musik in ­Worte fassen, ohne dass ihre akustische Plastizität verloren geht? Wie schreibt man so, dass der Leser sich Aufführungen vorstellen kann, bei denen er nicht dabei war? Heinrich Heine, der aus Paris für die Augsburger Allgemeine berichtete, hat diese Aufgabe auf sehr persönliche, virtuose und kaum kopierbare Weise gelöst. Er hielt nichts vom Theoretisieren über Musik und setzte auf assoziativen Zugriff. Da ist dann zum Beispiel die Rede von Tönen, die sich küssten. Weniger von Harmoniewechseln oder den Lagen einer Stimme. Heine bleibt auch als Feuilletonist immer Schriftsteller. Und er bleibt auch als Schriftsteller immer ein kritischer Diag­nostiker seiner Zeit. Unser Essay zu seinem 150. Todestag erinnert an Heines originelle Beschreibungsformen und an seine Bestandsaufnahme der Pariser Opern­szene. Schließlich war er mit anerkannten und um ­Anerkennung kämpfenden Größen wie Berlioz, Liszt oder Meyerbeer persönlich bekannt...

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Heinrich Heine, am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren, am 17. Februar 1856 zu Paris gestorben. Neben Goethe vermutlich Deutschlands populärster Dichter. Zu Lebzeiten ein gefürchtetes Lästermaul und ein begnadeter Poet. Die Zahl der Vertonungen, die auf seine Texte zurückgehen, streift die Zehntausender-Marke. Er war für die Komponisten jedoch nicht nur Vorlagengeber, sondern auch ihr Kritiker.

Hatte Heine überhaupt Ahnung von Musik?
«Jährlich einmal nimmt Heinrich Heine die Singvögel alle, die Componisten und Virtuosen auf’s Korn, die, von Paris, aufflatternd, sich über Deutschland verbreiten. Er ist oft unbarmherzig bei diesem Vogelschießen, das muß man gestehen, aber daß er trifft, wird Niemand läugnen.» So heißt es in dem von Ignaz Kuranda herausgegebenen «Grenzboten» im Mai 1844 unter der Rubrik «Heine und die Musiker».
Paris. Mittelpunkt der Welt, zumindest in den Augen des 19. Jahrhunderts. Bei Zeitzeugen löste der Name ehrfürchtiges Schaudern oder Schwärmen aus. Die Metropole als Laufsteg der Künstler, als riesige Probierstube für Erneuerer und Bewahrer. Einer von ihnen: Heinrich Heine. Hier betrachtete, horchte, schnupperte und dichtete er. Hier verfeinerte er seinen ...

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Opernwelt Februar 2006
Rubrik: Thema, Seite 30
von Christoph Vratz

Vergriffen
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