Das ureigene Potenzial

Wo andere sich mühen, legt er erst richtig los: LAWRENCE BROWNLEE ist ein Mann für die vokale Stratosphäre. Der 42-jährige Tenor aus Ohio ist auf allen großen Bühnen der Welt unterwegs – und gerade dabei, sich neben dem Belcanto auch Mozart wieder zu erobern. Ein Gespräch über die Bedeutung kritischer Selbsteinschätzung, Gospels und eine ungewöhnliche Länderwette

Opernwelt - Logo

Herr Brownlee, im vergangenen Jahr haben Sie sich in Seattle den Don Ottavio vorgenommen, gerade in der Münchner «Così fan tutte» den Ferrando – ein Rossini-Tenor auf dem Weg zu neuen Ufern?
Das kann man nicht ganz so sagen. Ich kehre zurück zu Mozart. Den Ferrando habe ich schon während meines Studiums gesungen. Okay, das ist 20 Jahre her ... Meine ersten beiden Rollen waren tatsächlich Tamino und Ferrando, dann folgte Bastien. Irgendwann bekam ich die Möglichkeit, Rossini zu singen. Das funktionierte – und ab sofort war er «mein» Komponist.



Mussten Sie Ihre Stimme für die Rückkehr zu Mozart irgendwie verändern, sie in eine Richtung pushen?
Nein, es sind einfach verschiedene Herangehensweisen. Rossini hat diese blühenden Linien, die Verzierungen. Es ist eine Art Sport. Wir Sänger sind da als Feuerwerker unterwegs. Koloraturen bei Mozart bedeuten dagegen etwas ganz anderes, sind weniger Selbstzweck. Hohe Cs finden sich bei ihm nicht, für Ferrando braucht man ein hohes B, ansonsten liegt die Tessitura der Mozart-Tenöre tiefer als bei Rossini. Das Kniffligste bei Mozart: Er lässt einem keine Möglichkeit auszubrechen, die Fokussierung auf die vorgeschriebene Linie ist viel stärker.

Ist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Interview, Seite 30
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Die Nächte der lebenden Toten

Eigentlich muss man Andris Nelsons sehen. Wie er sich hinter Partitur und Dirigentenpult duckt, als wolle er von den Klangwellen, die er eben entfesselte, nicht weggespült werden. Und wie er dann als Springteufel wieder hochkommt. In dieser CD-Einspielung von Wagners «Fliegendem Holländer» aus Amsterdam sieht man ihn nicht, doch man spürt Nelsons Körpersprache in...

Tagessieg

Das Neue altert schnell. Dennoch muss man vorsichtig sein, wenn man in einer Stadt wie Lüneburg einen Komponisten wie Paul Hindemith präsentiert, der einst als Bürgerschreck galt. «Neues vom Tage» hatte schon 1929 keinen nachhaltigen Erfolg – obwohl bei der Uraufführung Otto Klemperer am Pult stand. 1953 arbeitete Hindemith das Stück um, aber selbst eine englische...

Seufzer im WC

Eine Teufelin? Eine skrupellose Giftmischerin? Auch das ist Lucrezia Borgia. Doch vor allem ist sie unglücklich. Verheiratet mit einem brutalen Machtmenschen und Mutter eines verheimlichten unehelichen Sohns, dessen Liebe sie sucht, obwohl sie ihm die Wahrheit nicht sagen kann. Am Theater St. Gallen hat der Regisseur Tobias Kratzer Donizettis Stück auf die Bühne...