Bürgerliches Trauerspiel
Der Olymp liegt hinter einer Flügeltür. Oben auf der Galerie, zu der eine hochherrschaftliche Treppe führt, die das holzvertäfelte Vestibül symmetrisch in zwei Hälften teilt. Links und rechts neben der Tür hängen die Ahnen an der Wand. In Öl, ordentlich gerahmt. So entrückt wie der meist abwesende Patriarch (Jupiter), der, vom Treiben unten im Foyer hermetisch abgeschottet, die Geschäfte, seinen Clan und das Dienstpersonal (Chor) führt. Am Fuß der mit einem roten Läufer bespannten Stufen tollen der kleine Castor und der kleine Pollux. Lichtes Kinderglück.
Bis der Privatsekretär (Grand Prêtre) des Familienoberhaupts aus dem Portal tritt und mit einer stummen Geste Pollux hinaufzitiert. Castor muss draußen bleiben, auf dem Parterre, unter den mild lächelnden Augen der mütterlichen Erzieherin (Cléone). Einen Moment verharrt er reglos, verunsichert, haftet der Blick auf dem verschlossenen Eingang zum Sanktuarium des Vaters. Dann vergisst er sich wieder im Spiel – und ritzt mit einer Schere versehentlich die Haut. Blut rinnt über das Handgelenk. Pollux, von der Audienz zurückgekehrt, bemerkt die Verletzung sofort, prüft fragend, verwirrt die eigene unversehrte Hand. Ein Achselzucken – ...
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Opernwelt März 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
Ein paar Tage vor dem Probenbeginn in München war sie spazieren. Unweit von Zürich, in der Nähe ihres Hauses, wo sie noch einmal den Kopf freibekommen wollte für die nächsten Wochen. Da durchfuhr sie ein merkwürdiges, ein überraschendes Gefühl: «Was ist denn das?», habe sie sich gedacht. «Auf einmal freue ich mich richtig auf die ‹Traviata›.» Und irgendwie, so...
Der verspannte Klang infolge forcierten Singens ist eine unerfreuliche Erscheinung, der man im Opern- und Konzertalltag immer wieder und immer häufiger begegnet. Viele Sänger, falsch angeleitet oder sich selbst überschätzend, versuchen stimmlich mehr zu geben, als sie haben, mit dem Resultat, dass sie nur die Mühsal des Singens, nicht aber die Musik zum Ausdruck...
Den Geburtsfehler haben schon anlässlich der Uraufführung 1981 an der Deutschen Oper Berlin hellsichtige Kritiker wie Joachim Kaiser beschrieben: «Zur Oper fehlt es ... an Gestalten, fehlt ihr die Handlung, Gedichte, Zitate, Figuren, Überraschungen, Haltungen». Das empfindet man heute noch genauso. «Aus Deutschland», Mauricio Kagels Versuch über die deutsche...
