Beschränkte Optik
Die Oper ist ein unmögliches Kunstwerk.» Mit diesem verbalen Paukenschlag hat Oscar Bie 1913 sein brillantes, noch immer lesenswertes Buch «Die Oper» eröffnet. Carolyn Abbate und Roger Parker sind derselben Meinung.
Die beiden renommierten angloamerikanischen Musikwissenschaftler geben sich allerdings entschieden konservativer als der deutsche Kulturhistoriker, der die Oper vor Gluck noch nicht zu kennen brauchte und die nach Strauss noch nicht kennen konnte, wenn sie die Gretchenfrage nach der expliziten Künstlichkeit und damit zugleich der mangelnden Realitätsnähe des Genres mit einem Bekenntnis zur «Überzeugungskraft des reinen Gesangs» beantworten. «Die handelnden Personen» – so grenzen sie die Oper des 19. gegenüber der des 20. Jahrhunderts ab – «hatten Gefühle, die sie auch äußerten, und die Musik war da, um diese Botschaft zu transportieren.» Mit dieser hedonistischen Ästhetik schlagen sie sich auf die Seite des Publikums, das – angeblich – immer die gleichen Stücke sehen will und eines musealen Repertoirebetriebs, der dem Wunsch in stets neuer Regie-Verpackung entspricht.
Abbate/Parker handeln darum vor allem von Komponisten und Stücken, die heute noch gespielt werden – ...
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Opernwelt April 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Uwe Schweikert
Lang ist das alles schon her: «Così fan tutte» gute acht, «Don Giovanni» sogar knappe elf Jahre. Und stilistischer Stillstand, das Ausruhen auf dem einmal Analysierten, das Zufriedengeben mit dem erfolgreich Erreichten wäre so ziemlich das Letzte, was man mit dem Workaholic Kirill Petrenko verbinden würde. Die Metamorphose verblüfft dennoch. An der Komischen Oper...
Knapp 60 Seiten umfasst das «Verzeichnüß aller meiner Werke», das Wolfgang Amadé Mozart lückenlos geführt hat. Auf dem Etikett steht: «Vom Monath Febrario 1784 bis Monath … 1». Alles ist offen. Nur die «1» am Zeilenende steht für das Jahrtausend, in dem das Verzeichnis zu Ende gehen würde, dem Jahrhundert hingegen griff Mozart nicht vor. Der letzte Eintrag stammt...
Es war der Abend des Orchesters. Kaum je hat man die Philharmoniker der Hansestadt in einer derart bestechenden Verfassung gehört. Diese fein abschattierten dynamischen Nuancen, diese lebendige Artikulation, diese plastisch ausgeformten Spannungsbögen, diese in jedem Moment überzeugenden Tempi von einem oft atemraubenden, dabei mit äußerster Präzision ausgeführten...
