Auf Leben und Tod
Mozarts «Entführung» 1:1 auf die Bühne zu bringen, verbietet sich heute fast von selbst. Das Konfliktpotenzial dieses vermeintlichen «Singspiels» gilt es zu schärfen, sei es durch ironisch-theatralische Doppelung der Sänger (Hans Neuenfels in Stuttgart), die Einführung einer modernen türkischen Erzählerin (Martin Duncan in München) oder Überhöhung zur virtuosen, bildmächtigen Menschheits-Parabel (Stefan Herheim in Salzburg).
Tatjana Gürbaca ging puristischer ans Werk, las Partitur und Text sehr genau und verstörte doch das Augsburger Premierenpublikum mit einer noch vor der Ouvertüre eskalierenden Eifersuchtstragödie unter sieben Jugendlichen von heute. Die bereits hier einsetzenden Buhrufe ließen keine störungsfreie Aufführung erwarten. Doch blieb es im Zuschauerraum erstaunlich ruhig, bis am Ende die Explosion des Stücks unter die Haut fuhr: Zum vermeintlichen Happy-End lärmte der Janitscharen-Chor vom Band, die Protagonisten stürmten in den hell erleuchteten Zuschauerraum, während auf der Bühne unter Arbeitslicht in Windeseile abgebaut wurde.
Tatjana Gürbaca hat die Vorgeschichte auf die Spitze getrieben: Belmonte hat Selim die Geliebte ausgespannt (im Original «raubt» sie der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Harfenumrauscht und von Blechbläserchören vergoldet, ziert Engelbert Humperdincks «Hänsel und Gretel» auch in Amerika immer wieder den weihnachtlichen Gabentisch der Opernhäuser. In einem solch gottesfürchtigen Land könnte schließlich nichts besser auf das Fest einstimmen als die finale Versicherung, dass Gott der Herr die Hand uns reicht, wenn die Not aufs...
Achim Freyer, der große Bühnenkünstler und Maler, zeigt in seiner gleichermaßen verstörenden wie beeindruckenden Mannheimer Inszenierung von Verdis «La traviata», warum uns bei diesem Stück immer die Tränen kommen. Er hat Verdis Musik genauer gelesen, als wir sie bisher zu kennen meinten, und hinter dem Vergnügungstrubel der Pariser Gesellschaft die Leere, hinter...
Seiji Ozawa dirigiert mehr mit den Augen als mit den Händen, die nur kleine Bewegungen verrichten. Die Liebesträume und Pilgerzüge des «Tannhäuser» erblühen betörend farbig und intensiv. Mit klarer Stimmgewalt bestreitet Eva-Maria Westbroek die Partie der Elisabeth. Gegen sie behauptet sich mit erotischen Verlockungen das dunkler getönte Organ von Béatrice...
