Wagner: Tannhäuser
Seiji Ozawa dirigiert mehr mit den Augen als mit den Händen, die nur kleine Bewegungen verrichten. Die Liebesträume und Pilgerzüge des «Tannhäuser» erblühen betörend farbig und intensiv. Mit klarer Stimmgewalt bestreitet Eva-Maria Westbroek die Partie der Elisabeth. Gegen sie behauptet sich mit erotischen Verlockungen das dunkler getönte Organ von Béatrice Uria-Monzon (Venus). Ein wenig forcieren müssen in der riesigen Halle an der Place de la Bastille allerdings beide an sich vorzügliche Sängerinnen.
Mit der Herausforderung der thüringischen Minnesängerwelt einer fernen Zeit durch Heinrich Tannhäuser stehen konträre Lebensstile zur Diskussion – und mindestens ebenso intensiv wie in Wagners «Meistersingern» geht es um Fragen einer zeitgemäßen Kunst wie um das Verhältnis von Kunst und Leben. All diesen Dimensionen trägt Robert Carsen Rechnung. Er transponiert das Werk, ohne ihm ungebührlich Gewalt anzutun, in die Gegenwart: Tannhäuser ist Maler und Leiter einer Meisterklasse – von Anfang bis Ende sucht er, was er sieht und erfährt, mit Stift und Pinsel festzuhalten. Das Ballett wird von seinen Studenten bestritten, die sich – wie er und das Modell Venus auf der Matratze – in ...
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Christa Ludwig, auch als Liedsängerin eine der Großen des 20. Jahrhunderts – im März wird sie achtzig –, zitiert im Gespräch über den Liedgesang gern einen Ausspruch ihrer Mutter und Lehrerin. «‹Ich hoffe›, hat sie zu mir gesagt, ‹dass du dir die Stimme so lange behältst, bis du weißt, um was es sich handelt.› Dieses ‹bis ich weiß, um was es sich handelt› heißt,...
Dass Märchen nicht nur kleine, sondern auch große Kinder angehen, wissen wir spätestens seit Freud. Schon die Romantik hatte den mythischen Mehrwert jener im gemeinen Volk kursierenden Traumgeschichten im Blick, in denen die psychoanalytische Theorie später Bilder des Vor- und Unbewussten entdecken sollte. Was man sich von schönen Nixen, bösen Hexen und faulem...
Mit der heroischen Komödie «Tancredi», die er 1813 für Venedig schrieb, hatte der erst einundzwanzigjährige Rossini, wohl ohne es zu wissen, die Opera seria für sein Jahrhundert neu entdeckt und definiert. Ein heiterer, Dur-bestimmter Grundton durchzieht das fast durchweg ernste und dramatische Geschehen, das auf ein Trauerspiel von Voltaire (1760) zurückgeht. Im...
