Alcinas Wunderreich
Turmhohe Silberhaarperücke, Ballgarderobe, freundliches Lächeln. So stellte man sich Händels Alcina vor, als Joan Sutherland die Rolle mit ihrem Gatten Richard Bonynge am Pult des London Symphony Orchestra auf Schallplatte verewigte. Ein halbes Leben liegt das nun schon zurück, doch noch immer schaut die Alcina der Grand Old Lady des Koloraturgesangs voll gesellschaftsfähig vom Cover der legendären Decca-Aufnahme.
Die Magie der Königin, die auf ihrer Insel die Männer reihenweise um den Finger wickelt (um sie nach Gebrauch per Zauberspruch zu entsorgen), ging lange vor allem vom exotischen Ambiente des Dekors aus. Für die Knalleffekte, etwa die Verwandlung der Lover in wilde Tiere, sorgte die (barocke) Theatermaschinerie. Zwar galt der Bühnentechniker während der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr als die wichtigste Figur der Aufführungen, doch die vom Komponisten so genial in die Musik eingeschriebene Geometrie der Leidenschaften blieb trotzdem ausgespart. Vom Anderen, Unheimlichen, Abgründigen der Hauptfigur, von den mozartisch differenzierten Gefühlskurven Ruggieros und Bradamantes oder Morganas und Orontes wollte man nichts wissen. Das auf Ariosts «Orlando ...
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Schon wieder wird Versailles zweckentfremdet. Dabei ist zurzeit bereits – zum Missfallen mancher Traditionalisten – die monströse Kitschkunst von Jeff Koons in den Salons des ebenfalls wirkungsbewussten Ludwig XIV. zu sehen. Und jetzt hüpfen auch noch Touristenhorden tanzend durch die Spiegelgalerie, während das ewige Lob des Sonnenkönigs von Fremdenführerinnen...
Der Schritt, den Diana Damrau auf ihrem zweiten Soloalbum macht, ist kühner, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn obwohl Mozart schon im Zentrum ihres CD-Debüts gestanden hatte, proklamiert die gefeierte Königin der Nacht nun ihren Anspruch auf einem Terrain, auf dem sie mit den Kronjuwelen ihres Koloratursoprans wenig ausrichten kann: Bei Elvira, Vitellia...
Vor sechs Jahren schaffte es die Königliche Oper von Kopenhagen, an den internationalen BarockopernBoom anzuschließen. Dafür sorgten vor allem Lars Ulrik Mortensen mit seinem Orchester Concerto Copenhagen und Countertenor Andreas Scholl, der bei dieser Gelegenheit als Giulio Cesare seine zweite Bühnenproduktion bestritt (siehe OW 7/2002). Nun will das Haus an den...
