Wohin das Denken so treibt
Ehre sei den Provisorien. Ohne die wäre vieles im Laufe der Musikgeschichte gar nicht zustande gekommen. Strawinskys «Histoire du Soldat» beispielsweise. Eine ganze Opernästhetik basierte wortwörtlich auf einer winzigen Behelfsbühne: dem «Nudelbrett» der Darmstädter Orangerie in der überaus kreativen Ära Harro Dicks vor dem Umzug ins neue Staatstheater. Begrenzung kann durchaus zu qualitativer Entgrenzung führen.
Und wie oft wurde bei den Donaueschinger Musiktagen über die Unzulänglichkeiten von Donauhalle A und B, der Baar-Sporthalle – oder in Köln über die des «großen» WDR-Sendesaals (mit 750 Plätzen!) geklagt. Doch welch epochale Uraufführungen und Konzerte haben sich dort unter alles andere als optimalen Bedingungen ereignet! Ja, es gibt gute Gründe, der Beseitigung des Unzulänglichen zu misstrauen. Lange, allzu lange litt das wunderbare Festival im lothringischen Metz unter ungenügenden Räumlichkeiten. Als endlich der prächtige «Arsenal»-Konzertsaal des katalanischen Postmoderne-Stararchitekten Ricardo Bofill zur Verfügung stand, wurden die «Rencontres» bald eingestellt. Man konnte darin einen weiteren Beleg für die These vom neo-Potemkinschen Zeitalter sehen: Gehäuse und ...
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Für ihren Amtsantritt als Intendantin der Sächsischen Staatsoper wählte Ulrike Hessler den Hausgott Richard Strauss. Doch weder der in Dresden uraufgeführte «Rosenkavalier» noch eine «Elektra» wurde es, sondern sein vielleicht am wenigsten prominentes Bühnenwerk: «Daphne». Deren Uraufführung am 15. Oktober 1938 geriet nach Zeitzeugenberichten für den Komponisten zu...
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner...
Der Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft des Theaters hat seine besten Tage hinter sich. Die aristotelische Katharsis, das Lessing’sche Vertrauen in die sittliche Wirkung der Empathie, der Schiller’sche Ruf nach der Schaubühne als moralischer Anstalt – all das kommt uns heute wie Schnee von gestern vor. Aus vielen Gründen. Vor allem wohl, weil die Bühne...
