Formgefühl und Leidenschaft
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner zurückgefedert. Ausfallschritt links, Ducken rechts, Abrollen, Konter mit groteskem Augenrollen unter grell geschminkten Lidern.
In der Pekingoper ist auch der Krieg ein Ballett von höchster Präzision – ein akrobatisches Wunder zur Begleitung von rohen Holzschlägen und scheppernden Becken.
Den nächsten Abend verbringe ich nicht mehr bei Tee und Nüssen in der malerischen Huguang Guild Hall, sondern im «National Centre for the Performing Arts». Als schimmerndes Riesenei schwimmt es, direkt hinter den stalinistischen Quadern der «Halle des Volkes», seit 2007 auf künstlich angelegtem Fruchtwasser. In Sichtweite der Verbotenen Stadt hat der Franzose Paul Andreu dieses hybride Kulturzentrum mit Opernhaus, Konzertsaal und Theater gebaut: ein Ellipsoid aus fließenden Kurven und schwebenden Hüllen, unter denen man gesittet wandelt ...
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Plötzlich ging es schnell. Keine Woche nachdem die Münchner Kulturpolitik (samt Machtkämpfen und einzelnen Produktionen der Staatsoper) in der Kritikerumfrage der «Opernwelt» als «Ärgernis des Jahres» gewertet wurde, traten Kunstminister Wolfgang Heubisch und Intendant Nikolaus Bachler vor die Presse. Bahnhof für den neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen...
Unter allen Opern Verdis nach «Rigoletto» ist «Les Vêpres siciliennes» das Aschenbrödel. Im Gegensatz zu anderen, früher ähnlich selten gespielten Werken wie «Simon Boccanegra» oder «La forza del destino» findet man die Oper aus dem Jahr 1855 heute nicht einmal gelegentlich auf den Spielplänen. Und kommt es einmal zu einer Aufführung, sind sich Fachwelt und...
Die Gladbecker Halle Zweckel im Norden des Ruhrgebiets ist ein imposanter Bau aus den heroischen Zeiten der Schwerindustrie. Nostalgie hängt im dunstigen Luftraum. Der erhebt sich hoch über den Gleisen, die Christof Hetzer unten auf dem Hallenboden in altem Stil neu verlegen ließ. Birkenbäumchen wachsen aus dem Schotter. Eine idyllisierte Industriebrache, wie so...
