Radikale Seelenschau

Mit seiner Basler «Rigoletto»-Regie ist Michael Thalheimer endgültig in der Oper angekommen. Auch musikalisch hat die Produktion Referenzcharakter.

Opernwelt - Logo

Gilda ist tot, der Vater – Rigoletto – in Schmerz erstarrt, das Publikum tief ergriffen, doch auf die Basler Opernbühne kehrt allzu schnell die Realität wieder zurück: 3,5 Millionen Franken soll das Dreispartenhaus ab der kommenden Spielzeit unter seinem neuen Intendanten Georges Delnon jährlich einsparen; eine Summe, die das Theater substan­ziell gefährden würde, wie ein Sprecher des Ensembles in einer Erklärung vor ausverkauftem Haus verlautbart und die Theaterfreunde um ihre Mithilfe und ihren Protest gegen die Kantonspolitik bittet.
Opernalltag zur Jahreswende 2005/06.

Oder doch nicht? Was Michael Thalheimer in seiner nunmehr zweiten Operninszenierung (nach Janáceks «Katja Kabanova» in Berlin) offeriert, ist ein kleines Theaterwunder, eine verblüffend einsichtige Umsetzung von Verdis Tra­gödie bar jeglichen Realismus, als szenisches Oratorium auf schneeweißer, portalbreiter Guckkastenbühne (Henrik Ahr), die, perspektivisch verjüngt, noch um einen tiefer liegenden Raum nach hinten ausgeweitet werden kann. Ein Raum, in dem Zeit keine Bedeutung mehr hat als Dimension, in dem es nur noch eine bestimmende Größe gibt: Leere. Dieser «Rigoletto» ist ein Kammerspiel, das in seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Alexander Dick

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sonnenglanz und Gewölk

Daniel Harding hat mit großem Glanz zur Eröffnung am 7. ­Dezember nicht nur Mozarts «Idomeneo», sondern den Auftakt einer neuen Ära dirigiert. Zum ersten Mal seit vielen Jahren stand nicht Riccardo Muti am Pult des Mai­länder Teatro alla Scala, dessen Chefdirigent er neunzehn Jahre lang bis zu seinem Rücktritt am 3. April 2005 war. Zum ers­ten Mal konnte der neue...

Höllensturz

In früheren Opernzeiten diskutierte man über das Verhältnis von Wort und Ton in der Oper «Capriccio» von Richard Strauss, und Clemens Krauss darf in diesem ästhetischen Streit als genialisches Schlusswort gelten. In der Gegenwart müssen sich Wort und Ton immer mehr verbünden: Der Gegner, mit dem um die Vorherrschaft gerungen wird, heißt Video. Das Geflimmere auf...

Sempre aperto - per tutto

Die Initialzündung kam von Peter Stoltzenberg, damals Intendant in Heidelberg. Er hatte die junge, im Konzert­bereich schon weithin bekannte Altistin Ortrun Wenkel mit weltlichen Bach-Kantaten gehört und war hingerissen von ihrer theatralischen Ausstrahlung, die sie ohne szenische Unterstützung allein aus ihrer Persönlichkeit he­raus auf dem Podium entwickelte....