Die Gezeiten einer Stimme
Vor vielen Jahren klebte in Gelsenkirchen ein Plakat mit dem Text «An Jesus kommst du nicht vorbei». Einer schrieb darunter: «Stan Libuda immer». Eine zarte Blasphemie, über die vermutlich auch Gott schmunzelte. Was das mit Rolando Villazón zu tun hat? An ihm und seinem Comeback nach der etwa halbjährigen freiwilligen Auszeit käme im Augenblick wohl auch der legendäre Rechtsaußen von Schalke 04 nicht vorbei, zumindest in der Welt der Oper.
Der sportive Vergleich ist im Übrigen nicht so weit hergeholt: Als der Sänger Anfang Januar an der Wiener Staatsoper im «Werther» nach dem Sabbatical die Bühne wieder betrat, ermunterte das Publikum ihn mit energischem Auftrittsapplaus ganz in der Art jenes «Come on boy, you can do it», mit dem man angeschlagene Boxer aufbaut. Und man könnte sich vorstellen, dass Schallplattenmanager angesichts seines neuen Recitals, des ersten beim renommierten Gelblabel, mit dem Argument «Junge, gerade jetzt kannst du doch nicht schlapp machen» auf ihn einzuwirken versuchten.
Villazóns Problem war und ist, dass die dunkle, männliche Glut seines Timbres den Spinto suggeriert, der er (noch?) nicht ist. Sein so prächtig feuriges, aber schlankes Organ findet wohl ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Für Stephen Gould kann ein Spruch gelten, den man gewöhnlich etwas leichtfertig benutzt: Er kam, sah und siegte. Vor sieben Jahren war das, als er, nach Engagements vorwiegend in Musicals, auf eigene Faust nach Europa ging, an verschiedenen Häusern vorsang und schließlich in Linz sein Debüt als Florestan gab. Es folgte eine steile Karriere, die ihn bald an die...
Was macht man mit dem Titelhelden? Besetzt man die große Kastratenpartie in Händels 1724 uraufgeführter Oper «Giulio Cesare in Egitto» mit einer Altistin oder einem Kontratenor? Oder vielleicht sogar mit einem Bariton, wie es vor dem Siegeszug der historischen Aufführungspraxis üblich war? Das Badische Staatstheater Karlsruhe entschied sich bei dem opulenten...
Der Tarnhelm ist ein roter Zahnputzbecher. Durch ihn hat sich Alberich in einen Riesenwurm verwandelt – und auch der braucht keine grüne Schuppen, Bühnennebel und Bodenversenkung. Der Schauspieler Stefan Kaminski, von eher zierlicher Figur, steigt in Jeans und T-Shirt auf seinen Drehstuhl und schlägt sich wild auf die geschwellte Brust. Die junge...
