Das Höchste: Ein Liebestod
Den Verstand zu verlieren über Wagners «Weltabschiedswerk» galt lange als gute Tradition. Zumal im Bayreuther Festspielhaus, für dessen «mystischen Abgrund» der Meister sein opus summum bekanntlich konzipierte. Woher die Klänge kommen, wie sich Stimmen, Strukturen und Farben mischen – darüber sollte das Publikum staunend rätseln wie Gurnemanz über die Herkunft des reinen Toren. Mit der Mär von Monsalvat zielte er nicht nur auf eine neue ästhetische Erfahrung, sondern auf spirituelle Erleuchtung, auf «metaphysische Einkehr» (Ernst Bloch).
Deshalb der kunstreligiöse Untertitel: «Bühnenweihfestspiel». Deshalb die zeremonielle Aura. Oper als Oratorium, als Ersatzmesse, als kollektives Ritual.
Aber eben auch: modernes Traumtheater, Parcours des Unbewussten, Zukunftsmusik. Ein erhaben-unwiderstehlicher Klangstrom, Adagio-Droge von halluzinogener Kraft. «Schöne lange Weile» (Dieter Schnebel) und schäumende Erregung, feierliche Statik und kühne chromatische Bewegung. Wagners Bilanzstück, das Kelch und Schwert, Kreuz und Gral gegen die Oper als amusement in Stellung bringt, gegen die (vermeintlich) hohle Pracht der grand opéra. Zumutung und Offenbarung. Unendlich viel steckt in «Parsifal» ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann
Am 12. März 1938 marschierten deutsche Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten in Österreich ein und sorgten für den sogenannten «Anschluss». So unvorbereitet, wie man nachher im Sinne der «Opferlegende» tat, war man freilich nicht, auch nicht bei den Wiener Philharmonikern: Beinahe ein Drittel war schon vor 1938 der illegalen NSDAP oder parteinahen Organisationen...
Gut möglich, dass sie selbst nicht mehr daran geglaubt haben. Einst wurden Dieter Dorn und Jürgen Rose, in gefühlter ewiger Theater-Kollaboration verbunden, von Wolfgang Sawallisch gefragt, ob sie 1987 Wagners «Ring des Nibelungen» an der Bayerischen Staatsoper realisieren wollen. Dorn, damals Prinzipal der Münchner Kammerspiele, lehnte ab. Zu aufwändig, zu viel...
So intim, so bewegend kann Oper sein: Unmittelbar vor den Zuschauern öffnet sich das sandgelbe Halbrund einer Arena, das Orchester verschwindet nicht im Graben, sondern ist auf dem Rang positioniert. Der Klang fließt ungehindert in den Saal; Publikum, Sänger und Musiker schließen sich zusammen in einem innigen Kunstgehäuse. In der Bühne am Park, dem kleinen,...
