London bei Nacht
Seit Anfang des Jahres fixierten in der Londoner Untergrundbahn zwei auffällige Augenpaare eilige Hauptstädter und schlenzende Touristen: zwei Bilder, zwei Mädchen, kaum Frauen schon. Eine Lolita, mit lasziv halb geschlossenen Augen, vollroten Lippen machte herausfordernd Werbung für die neue «Salome» an der Royal Opera; ein selbstbewusst-traurig den Betrachter frontal anblickendes Kind im hochgeschlossen karierten Kleid, verloren in einem Ruinensaal stehend, zeigte die «Lucia di Lammermoor»-Produktion der English National Opera an.
Das eine Plakat versprach hochglänzende Sinnlichkeit, das andere im Sepia-Ton ein düsteres Drama. Bilder, die den Charakter der Aufführungen spiegelten.
«This opera contains scenes of nudity and violence», wurde auf der Webseite des Royal Opera House Covent Garden Wochen vor der Premiere von Richard Strauss’ «Salome» gewarnt. Es kam halb so nackt und gewalttätig wie angekündigt, nichts vor allem, was die dem Werk innewohnende verstörende Destruktion des Eros in schwarze, erschreckende Bilder des Todes fassen würde. Zwar zeigen der Regisseur David McVicar und die Ausstatterin Es Devlin einen symbolreichen Ort der Vergänglichkeit, in dem die «Salome» bis ...
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