Der Mensch ist das Maß der Dinge

Akkordschreie und rhythmische Energie: Aribert Reimanns «Lear» an der Komischen Oper Berlin, inszeniert von Hans Neuenfels, dirigiert von Carl St. Clair

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Der Kontrast könnte größer nicht sein. Als Aribert Reimanns «Lear» 1983 zum ersten Mal an der Komischen Oper gespielt wurde, in Ostberlin, inszeniert von Harry Kupfer, dirigiert von Hartmut Haenchen, bestand die Bühne aus Morast und Beton. Lears verruchter Machtstaat und die entmenschlichten Menschen an seiner Spitze, das alles wurde drastisch und konkret vorgeführt. In den Rissen von Wänden und Boden sah man Leichen, Lemuren, Opfer. Schwarz alles.

Während der Sturmszene krochen diese Lemuren aus ihren Ritzen, Zellen und Gräbern und sammelten sich um Lear, den König, der einst ein Unmensch gewesen war, wie alle Könige, und der nun zum Menschen ver-rückt wurde. Eine wahrheitsspeiende Apokalypse, umtost von 48 ineinander verkeilten Tönen eines Streicher-Clusters, zerschnitten von wüst aufgeschichteten Akzenten der Holz- und Blechbläser.
Diesmal ist alles ganz anders. Wenige Tage vor der Premiere wurde der 20. Geburtstag des 9. November mit Pomp und Lightshow am Brandenburger Tor gefeiert. Friede, Freude – und Eiertänze (des Moderators Thomas Gottschalk). Diktaturen in Europa sind eine Sache für Geschichtsbücher. Theater gehört der Spaßgesellschaft, und Regimekritik ist ihm so fern wie ...

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Opernwelt Januar 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
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