Radikal jung, immersiv, explosiv
Dieser Klang kommt nicht aus der Stille. Er flutscht und knallt aus den Kehlköpfen heraus, mit einer Kraft, die einen beinahe umhaut: «Tschu-Tschu-Tschu!» Und noch einmal: «Tschu-Tschu-Tschu!» Auf den kollektiven Schrei folgt ein Tanz, der das Zeug zur rituellen Orgie hat. Furios ist dieser Tanz, feurig, fetzig, völlig enthemmt; ein Vulkan aus Expressivität und Ekstase bis zur totalen Erschöpfung. Sein Ausbruch verwandelt das elegante Foyer der Nationale Opera Amsterdam binnen Sekunden in ein schier berstendes Energiefeld.
25 junge Frauen und Männer, vereint zu einer Skulptur aus Stimmen und Körpern auf glatt-hartem Boden. Gäbe es so etwas wie die Erfüllung von Wagners Wunsch «Kinder, schafft Neues!», hier wäre der Ort, wo das geschieht. Wow!
Oder besser: «WILD». So nämlich nennt sich die knapp halbstündige Choreografie aus Tanz und Musik und Schauspiel, die der flämische Theatermacher Gregory Cears mit Studenten der MBO Theaterschool Rotterdam realisiert hat. Es geht dabei um das Unbeherrschbare, das Fremde, aber auch: das Eigene. Um Dinge also, die wunderbar zum Thema des diesjährigen Opera Forward Festivals passen: «Identität und Konfrontation – Angst vor dem Unbekannten».
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Jürgen Otten
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