Klangspuren der Nacht
Wer sich auf eine Expedition ins Innere von Chaya Czernowins «Pnima»-Partitur einlässt, stößt erst einmal auf drei eng bedruckte Seiten Spielvorschriften. Gut fünfzig Sonderzeichen und rund zwei Dutzend Kürzel, dazu Erläuterungen zu Dynamik, Lautbildung, Klangfarben und Tonhöhen benötigt die israelische Komponistin, um ihre Klangvorstellungen auf Notenpapier festzuhalten. Denn was Czernowin in diesem Stück zu sagen versucht, ist eigentlich unsagbar. Es ist etwas, das vor und jenseits der Sprache liegt.
Ein Kind trifft einen merkwürdigen Alten, setzt alles daran, dessen Geschichte zu erfahren, doch es fehlt das Wort. Was machtvoll nach außen dringt, sind wunde, schreiende Gefühle. Vokale und Konsonanten strömen wie zufällig hervor, un(be)greifbar, mehr emotionale Rufzeichen als Bausteine potenziellen Sinns. Die Ordnung des Sprechens ist außer Kraft gesetzt, die Verständigung ganz (un)reiner Klang geworden. Komplexer, geräuschhafter, bedrängender Klang. Man spürt, dass diese Musik aus der Nacht kommt, aus dem Dunkel der Traumata. Eine Musik, die nicht von etwas erzählt, sondern seelische Katastrophen vergegenwärtigt – plastisch, verstörend, beklemmend.
Chaya Czernowin hat die für ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Diesem Gott darf man nicht trauen: Keine Heilsgestalt, sondern heimtückischer Anführer einer Sex-Sekte ist der Dionysos, der im bedrückten Theben auftaucht. Und der verheißungsvoll morgendämmernde Schluss von Hans Werner Henzes «Bassariden», seinem wohl bedeutendsten Bühnenwerk, markiert nichts anderes als den Wechsel von politischer Instabilität zur Grabesruhe...
Was wäre, gälte Schopenhauers Wort? Was also wäre, würde sich das Wesen einer Gesellschaft durch Musik ausdrücken lassen? Nähme man Aribert Reimanns «Lear»-Partitur zum Maßstab und setzte die Entstehungszeit in eins mit der Jetztzeit, es stünde gewiss nicht eben gut um die menschlichen Belange. Kaum eine Oper nach 1945 trägt so sehr die Züge des Apokalyptischen wie...
Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem...
