Editorial
Die Dramaturgie des Skandals folgt einem (fast) immer gleichen Muster: Da ist zunächst ein casus belli, der Schockwellen öffentlicher Erregung freisetzt; diese münden in einer (meist) prominent besetzten ergebnisoffenen Debatte (gut, dass wir über alles geredet haben); den Abschluss bildet eine Phase der Erschöpfung. Das Interesse erlahmt. Denn auch ein Reizthema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz kann rasch seinen Reiz verlieren.
Im Fall der Berliner «Idomeneo»-Affäre betrug die Halbwertzeit des Skandalons, sprich: die medial verstärkte Empörung darüber, dass die Inszenierung von Hans Neuenfels an der Deutschen Oper aus Sicherheitsgründen abgesetzt wurde, gerade mal eine Woche. Dann ging man wieder zur Tagesordnung über. Das Mozart-Jahr hatte seinen ultimativen Kick. Die weltweit und lautstark erhobenen Vorwürfe gegen die Intendantin Kirsten Harms, sie habe die Freiheit der Kunst verraten – sie sind schnell verrauscht. Das Kopfschütteln über den Berliner Innensenator Erhart Körting, der nach einem anonymen Anruf die Neuenfels’sche Deutung wegen eines blutigen Mohammed-Hauptes aus der Requisite zunächst als ernstes Sicherheitsrisiko einstufte, um die Leitung des Hauses in ...
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Die Saison mit einer Neuinszenierung zu eröffnen, ist im Opernbetrieb weltweit gang und gäbe. Die Met jedoch hatte sich seit 1987 für Revivals und hochkarätig besetzte Star-Galas entschieden, deren Programme sich aus herausgelösten Akten verschiedener Opern zusammensetzten. Peter Gelb, der Intendant (und bis vor kurzem umstrittener Chef von Sony Classical) hat...
Wer in Taipeh bestehen will, muss clever sein, sagt Kuang-Ching Sung, erster Posaunist des Nationalen Symphonie Orchesters von Taiwan (NSO). Offen für alle Wechselfälle des Lebens und vor allem schnell. Wohl wahr. Das Tempo der Millionenstadt am Nordwestrand der Insel, die seit 1949, nach der Flucht der von Maos Volksarmisten geschlagenen Kuomintang, als...
«Heute Abend wünschte ich, dass Sie die Aufführung der ‹Theatralischen Abenteuer› sehen könnten; sie wird gewiss vorzüglich werden», schrieb Goethe am 5. Juni 1799 an Schiller. Vorzüglich – bis auf Defizite beim Sängerensemble – geriet auch die Neuproduktion jenes Singspiels beim Pergolesi Spontini Festival. Der Dichterfürst hat es gemeinsam mit seinem Schwager...
