Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Wie Calixto Bieito an Barcelonas Gran Teatre del Liceu «Wozzeck» in die Produktion schickt, Sebastian Weigle das Orchester gegen die Übermacht des Optischen aufbietet und General­direktorin Rosa Cullell i Muniesa das Haus für die Zukunft fit macht

Opernwelt - Logo

Die Selbstverständlichkeiten zuerst: ­Natürlich gibt es wieder viel entblößtes Fleisch zu besichtigen in Calixto Bieitos jüngster ­Regiearbeit. Visuelle Dras­tik, ein brachialer, unnachgiebig auf ka­thar­tische Schockwirkung setzender kritischer Realismus – diese Essenzen des Bieito-Stils prägen auch bei «Wozzeck» im Haus an den Ramblas die Szene. Da macht sich Büchners Doktor an schrundigen Frauenleichen zu schaffen («ein interessantes Präparat»).

Da lüpft die Marie Angela Denokes in der Wirtshausszene kurz das Shirt, um dem als Gary-Glitter-Klon posierenden Tambourmajor zu gefallen. Und kurz vor dem finalen «Ringel, Ringel, Rosenkranz» der von Gott und der Welt verlassenen Kinder schreitet, während das Orchester den mahlernden Fatalismus der d-moll-Verwandlungsmusik intoniert, langsam ein unbekleideter Bewegungs­chor aus der gleißend blendenden Tiefe des Raumes an die Rampe. Tropfnass vom warmen (sauren?) Regen, der aus einem Sprink­lerrohr niedergeht. Die menschliche Kreatur – eine fragile, bedrohte Spezies.
Seine spektakuläre Note gewinnt dieser «Wozzeck» freilich nicht kraft der Nackten und der Toten, die den Weg des labilen Antihelden in den Untergang säumen. Der eigentliche ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Vom Varieté auf die Couch

Zwischen Farce und Drama liegt manchmal nur ein ­Augenblick. Ist die Stimmung gerade noch heiter überdreht, funkt plötzlich das böse Schicksal dazwischen und bringt alles auf Tragödienkurs. Die Lacher verstummen, die Mienen verdunkeln sich. Die Lust am schrillen Unsinn schlägt jäh in depressiven Tiefsinn um. Und doch kommt die Nähe des scheinbar Disparaten nicht...

Klingende Wissenschaft

«Wehe der Zeit, die keine Helden hat», klagt Galileos Lieblingsschüler. Und der Meister flüstert ihm zu: «We­he der Zeit, die Helden nötig hat». Dann wendet er sich zu Tisch, weil er, der von der Inquisition überwachte, verachtete und gebrochene Wissenschaftler, immer noch gern isst. So endet Michael Jarrells Oper «Galilée», ein Werk, im Auftrag des Genfer Grand...

Feurige Zeichen, finstere Aussichten

Es gibt kein Glück auf Erden. Aber zumindest einen Trost (in) der Musik. Das ist die gemeinsame Botschaft der beiden Mozart-Premieren, die Hannovers Staats­­oper pünktlich zum Jubiläum präsentiert. Zwar handelt es sich bei «Così fan tutte» und bei «Lucio Silla» um zwei Opern, die ein auskomponiertes Glücksfinale haben, doch das heißt nicht viel in unserer Zeit.
Bei...