Kunstvolle Kunstlosigkeit
Die stiff upper lips der britischen High Society wurden noch steifer, als vor sechzig Jahren in der Royal Opera Benjamin Brittens Krönungsoper «Gloriana» uraufgeführt wurde. Statt des erwarteten zeremoniellen Historienspiels zur Krönung von Elizabeth II. wurde dem Publikum das bittere Drama der alternden Elizabeth geboten, die ihre Unterschrift unter das Todesurteil für ihren wegen Hochverrats verurteilten Liebhaber Robert Devereux, Earl of Essex, setzt. Die Monarchin sei «not amused» gewesen; von der Kritik wurde «Gloriana» geschlachtet.
Zum 100.
Geburtstag des Komponisten hat Simone Young das Werk, «eine seiner unbekannteren und unterschätzten Opern», in einer Koproduktion mit Covent Garden herausgebracht, nach «A Midsummer Night’s Dream», «Billy Budd» und «Death in Venice». Es ist musikalisch ein fesselndes, ja hinreißendes Stück. Der englische Regisseur Richard Jones inszeniert es als Theater auf dem Theater: Die Bürger eines kleinen Ortes führen das Stück anno 1953 für die frisch gekrönte Queen auf – im Bühnenbild und mit Requisiten jener Jahre. Unter den vor dem Theater wartenden Zuschauern befindet sich eine Dame im weit ausgestellten blauen Kleid, das zur Ikonografie ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Kesting
Sehnsucht nach den Sechzigerjahren. Als das Schlammtheater noch eine Botschaft war, als das Publikum mitmachen durfte und sich hinter jedem Experiment ein Tabu verbarg..: Herrlich war das! Verständlich daher, dass man Henri Pousseurs «variable Oper» mit dem Titel «Votre Faust» rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung noch einmal aufführt. Es ist eine der wenigen...
Unbemerkt, wie schon in den ersten beiden Akten, hat Christian Thielemann sich zum Pult geschlichen und will eben den ersten Violinen den Einsatz geben zum auftaktigen Quintensprung b–f’ des dritten Aufzugs. Doch kaum wird man seines Scheitels ansichtig, brechen die Bravos los. Willkommen in Salzburg; ein neues Jahr, ein neues Glück. Während die Berliner...
Tannhäuser ist genervt. Unruhig tigert er durch den Salon der Dame Venus. Weder sie noch die tanzenden (schein-) nackten Damen und Herren, die eben noch im Bilderrahmen hinten auf der Bühne der Straßburger Opéra national du Rhin in Starrheit verharrten, können ihn auf andere Gedanken bringen: Er will da weg. Der Raum, in dem er sich immer unwohler fühlt, ist nichts...
