Schein des Lebens, das nicht ist
Zwei prominente Urteile über Richard Strauss gibt es, die widersprüchlicher kaum sein könnten. Er sei «ein so fabelhaft unraffinierter Mensch», meinte sein Librettist Hugo von Hofmannsthal 1909 über ihn in einem Brief an Harry Graf Kessler, und habe «eine fürchterliche Tendenz zum Trivialen, Kitschigen in sich». Gut zwei Jahrzehnte später schrieb der nächste Librettist, Stefan Zweig, an Romain Rolland: «Der alte Meister setzt mich in Erstaunen. Er ist so gescheit, so verständnisvoll, so empfindsam, so sehr Künstler, dass es eine Freude ist, für ihn zu arbeiten».
Michael Heinemann zitiert in seinem Buch «Richard Strauss. Lebensgeschichte als Musiktheater» beide Urteile und schlägt sich eher auf die Seite von Zweig. Für ihn ist der Komponist jemand, der die Freiheit des Ich, die Prägnanz des Individuums zu verteidigen suchte und sich dafür ebenso sehr exponieren wie von sich selbst distanzieren musste – ein Wechselspiel, das sich auch im künstlerischen Werk ereignet. Das Verfahren von Heinemanns Buch ist durchaus originell: Er betrachtet Biografik nicht als Hilfswissenschaft zur Werkdeutung und das Werk nicht als Dokument der persönlichen Lebensführung. Seine Frage gilt jener «Idee, ...
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Opernwelt November 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 38
von Jan Brachmann
Die Musik von Bach bis Richard Wagner und Richard Strauss ist Höhe- und Schlusspunkt göttlichen Menschentums, letzte Erfüllung und Enthüllung des Mythos.» Am 25. Februar 1944 wurde dieser erhaben gestimmte Satz zu Papier gebracht – freilich nicht von einem Parteigänger der Blut-und-Boden-Ideologie, der im Angesicht des drohenden Untergangs verzweifelt die Vormacht...
Hannover hat sich in den letzten Monaten aus der Geschichte Größe geborgt. Mit einer vielgestaltigen Landesausstellung und etlichen Kunstereignissen feiert man die Personalunion mit Großbritannien. Oder wie es der Titel der Ausstellung allen Nichthistorikern erklärt: «Hannovers Herrscher auf Englands Thron 1714 – 1837». Vor 300 Jahren bestieg der Kurfürst aus...
Wes Geistes Kind «Atys» auch ist: In Kiel lässt die Zentralperspektive des Bühnenraums zumindest ahnen, warum gerade diese Tragédie lyrique von Jean-Baptiste Lully gern als opéra du roi bezeichnet wird. Alle Bodenlinien zielen letztlich auf König Ludwig XIV., der unsichtbar bleibt, sich hier einmal nicht als Sonnengott in Erinnerung bringt. Selbst Götter können...
