«Zur Besinnung kommen»
Die Entstehungsgeschichten von «Krieg und Frieden» als Roman und als Oper weisen verblüffende Parallelen auf. Als Tolstoi begann, schwebte ihm eine Familienchronik mit Happy End vor. Die Dynamik jener historischen Periode, in der er das Geschehen ansiedeln wollte, führte aber zur allmählichen Weitung der Perspektive aufs große Ganze: Napoleons Russlandfeldzug, der nationale Abwehrkampf, seine Katastrophen und Umwälzungen, Niederlage und Rückzug der Franzosen, samt allen historischen und militärischen Faktoren, die zu diesem Geschehen beitrugen.
Nicht anders Prokofjew: Er hatte eigentlich im Sinn, den Roman auf den Kern der «privaten» Handlung zuzuspitzen – eine Liebesgeschichte als Abfolge «lyrischer Szenen» im Sinne Tschaikowskys. Hier war es der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941, der alle Pläne umwarf. Die Parallele der Kriegshandlungen drängte sich auf; Stalin verlangte patriotische Ansprachen und Chöre, die Prokofjew nach und nach in das Werk einführte – was die ohnehin beträchtlichen dramaturgischen Probleme dieses gigantischen Opernromans potenzierte. Vollständig kam das Stück erst nach Prokofjews (und Stalins) Tod auf die Bühne. In beiden Fällen war es, als hätten ...
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Opernwelt November 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Ingo Dorfmüller
Dass der berühmte Kastrat Carlo Broschi, genannt Farinelli, auch komponiert hat, ist seit Langem bekannt. Franz Haböck, der Pionier unter den Erforschern der Sängerkastraten, gab bereits 1923 einen Band mit Arien heraus, die zum Repertoire Farinellis gehörten, darunter auch acht Stücke, die er dem Sänger zuschrieb. Nicht für alle Werke ließ sich diese Zuweisung...
Seinen Namen konnten die Italiener nicht aussprechen. Deshalb nannten sie Josef Myslivecek «Il divino Boemo» (Der göttliche Böhme). In Italien war der tschechische Müllersohn zwischen 1764, als er mit seinem Opernerstling «Medea» enormen Erfolg hatte, bis zu seinem Tod 1781 einer der wichtigsten Opernkomponisten. Man liebte vor allem seine melodische...
Als die vormals Städtische Oper Berlin, nunmehr in Deutsche Oper umbenannt, vor einem halben Jahrhundert in ihr neues Haus an der Bismarckstraße einzog, war das nicht nur ein herausragendes kulturelles, sondern auch ein politisches Ereignis. Wenige Wochen zuvor war die Mauer gebaut worden, dem Westberliner Opernhaus entstand daraus eine zusätzliche Verpflichtung:...
