Zu viel Distanz
Die Welt ist eine Scheibe. Die Scheibe eine Arena. Sandfarben, backofenwarm ausgeleuchtet von Alex Brok. Dennoch will irisierende Stimmung nicht aufkommen. Es fehlen die Zuschauer, ihr Gejohle und Geraune, es fehlt das Flair des Stierkampfs. Es fehlt das Klischee. Lotte de Beer deutet Mérimées sevillanische Atmosphäre am Essener Aalto-Theater nur in den Kostümen (Clement & Sanôu) an, sowie mit einer von ihr selbst realisierten Choreografie, die traditionelle Massenauftritte stilisiert. Und genau das ist der Knackpunkt.
Bizets «Carmen» ist zwar genretechnisch eine Opéra-comique, erzählt aber darüber hinaus die Geschichte einer Frau, die frei sein will wie ein Vogel und diese Selbstbestimmung unabhängig von Leben oder Tod wählt. Da sind, wie auch immer man die Titelfigur zeichnet, erkleckliche Leidenschaften und Verwerfungen im Spiel. Die Carmen der niederländischen Regisseurin aber atmet vor allem eines: Distanz. Distanz zu den Herren der Schöpfung, zu sich selbst, zur Liebe, zum Leben, zur Lust. Als kühle, intellektuelle (rothaarige) Schönheit betritt Bettina Ranch die Szenerie, ihre Erotik sublim aussteuernd, mit abwehrender Gestik und – anders als ihr samten dunkler Mezzo – nur ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Jürgen Otten
Am 28. Oktober 1918 wurde die unabhängige Tschechoslowakische Republik proklamiert – der diesjährige Herbst bringt deshalb in Prag so einige staatstragende Festivitäten mit sich. Zur Neuproduktion des «Fidelio» im klassizistischen Ständetheater erinnerte ein alter Theaterzettel im Programmheft daran, dass Beethovens Oper weiland in Anwesenheit des neuen...
Sie sehen alle fast gleich aus: blond, hübsche Kleidchen, den Kopf gesenkt. Immer wieder kommt einer aus des Herodes Partygesellschaft und holt sich eines der vermutlich sehr jungen Mädchen. So ist das in dieser Welt. Salome aber, von Ingela Brimberg souverän, ganz ohne falsche Kleinmädchentöne vorgestellt, ist groß da, wo sie groß sein muss, wenn sie «Du wolltest...
Dalibor ist gleich Florestan, Milada gleich Leonore, Wladislaw gleich Pizarro, Beneš gleich Rocco: Das Spiel geht – abgesehen von kleineren inhaltlichen Details – fast auf. Weniger mit einem Bedřich Smetana auf Plagiatstrip hat das zu tun, sondern mit dem Genre an sich. Rettungsopern bildeten ab Ende des 18. Jahrhunderts ein eigenes Biotop, behaupten kann sich bis...
