Zerbrechlich wie die Liebe

Amsterdam eröffnet die Spielzeit fulminant mit Monteverdis «Orfeo» und einer szenischen Version von Schönbergs «Gurre-Liedern»

Opernwelt - Logo

Bei Monteverdi tastet sich Orfeo mit singendem Sprechen ins Jenseits. Er beklagt den Tod seiner geliebten Euri­dice, gewinnt sie, verliert sie wieder und wird vom Sonnengott Apollo in den Himmel erhoben, wo er seine Angebetete künftig als Sternbild bewundern kann. Monteverdi beglaubigt den alten Mythos durch eine frische, authentische Kunstform – die Oper ist geboren. Rund 300 Jahre später, bei Schönberg, beklagt König Waldemar den Tod seiner geliebten Tove mit heldentenoraler Wucht.

Er schwingt sich zur Blasphemie auf, muss mit einer Armee klappernder Skelette durchs Jenseits reiten − bis die Sonne aufsteigt und sich der Spuk in gleißendem C-Dur auflöst. Schönberg beglaubigt die alte Sage durch eine ins Gigantische gesteigerte Kammermusik. ­Jeder Takt ringt um Authentizität. Die Oper ist ­eigentlich tot. Aber sie hat bei Korngold, Schreker, Zemlinsky irrlichternde Nachzügler und setzt mit Debussys «Pelléas et Mélisande» wieder ganz beim singenden Sprechen an.

Die «Gurre-Lieder» sind keine Oper, sondern das aufwändigste Oratorium der Musikgeschichte. Jetzt wurden sie in Amsterdam erstmals szenisch aufgeführt. Sie waren dort, quasi als double bill, am Tag nach «Orfeo» zu erleben. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Exilanten des Betriebs

Im November 1989 feierte Christfried Schmidt. Nein, nicht weil die Mauer fiel. Obwohl er nichts dagegen hatte; er begrüßte die sogenannte Wende durchaus. Kaum ein Komponist nämlich dürfte den schikanösen Doppelsinn des Vermerks «Wohnhaft in der DDR» schmerzhafter erfahren haben als er. Jahrelang wurde seine Musik daheim nicht gespielt; seine Aufnahme in den...

Experiment geglückt

Ursprünglich klang sie wie ein überraschend dunkler, «slawischer» Koloratursopran. Es ist gar nicht so lange her, da sang sie noch Adina. Gerade erst hatte sie Donizettis Belcanto-Königinnen in ihr Repertoire aufgenommen. Inzwischen wagt sich Anna Netrebko immer weiter in dramatischere Bereiche vor. Jüngst ging sie Verdis Spinto-Partien an, Wagners Elsa soll 2016...

Und die Oboen seufzen mit

Sie wütet und weint, kämpft und klagt. Hin- und hergerissen zwischen Hass und Liebe ist diese Zauberin. Ihr schlimmster Feind, der Kreuzritter Renaud, wird zu ­ihrem Liebhaber, der sie am Ende wieder verlässt. Gluck verleiht der Titelfigur seiner Oper «Armide» große emotionale Tiefe. Miriam Clark kostet mit ihrem beweglichen, runden Sopran jede Nuance dieses...