Wir sind das Folk

Christian Gerhaher deutet britische Volkslieder aus dem Geist des Kunstgesangs

Opernwelt - Logo

Vor einem Vierteljahrhundert schien der Begriff «Volk» willkommen, vor allem durch die Parole frei nach Georg Büchner, die zur Wende führte. Mittlerweile scheint das Volkshafte jedoch wieder gefährlich beim «Völkischen» anzuklopfen, und auch das Volkslied hat diesbezüglich erneut einen gewissen Ruch nationaler Enge gewonnen. Dass Christian Gerhaher also dieses Album, eine Live-Aufnahme aus dem Münchner Prinzregententheater, mit «FolksLied» betitelt, könnte auch als distanzierende Ironie verstanden werden.



Doch hat es wohl vor allem mit der Dramaturgie des Recitals zu tun. Denn Gerhaher nimmt sich britische Folklore vor, neben einigen der «Folksong Arrangements» Benjamin Brittens vor allem Bearbeitungen Haydns und Beethovens für Singstimme und Klaviertrio, geschaffen im Auftrag des schottischen Verlegers George Thomson. Wobei Volkslied-Bearbeitungen vor allem in Schottland durchaus Tradition hatten, waren manche der vermeintlichen Folksongs doch von Anfang an «Fakes», nachkomponiert vom Pädagogen McPherson. Auf jeden Fall gab Thomson zunächst die (Volkslied-)Melodien zur Bearbeitung vor und ließ die Texte danach der Musik anpassen. Viel später (1927) entstand auf diese Weise noch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Aus der zweiten Reihe

Es sind meist die Mittelmäßigen, von denen man etwas über die Zwänge und Bedingtheiten einer Epoche erfährt, mehr jedenfalls als von den ganz großen Talenten. Solch ein Mittelmäßiger war der Komponist NICOLA ZINGARELLI – jedenfalls nach dem Höreindruck, den die Wiederaufführung seiner erfolgreichsten Oper «Giulietta e Romeo» im Salzburger Haus für Mozart...

Einsam unter Vielen

Oper? Natürlich nicht oder doch nur ein wenig. Szenisches Konzert? Eine Spur auch davon. ­Themenabend mit Musik? Schon eher. Indes, «Musik- und Tanztheater» nennen der deutsche Schauspielregisseur Sebastian Nübling und der belgische Choreograf Ives Thuwis ihr nicht ganz zweistündiges Basler Programm.

Eine «Méditation sur ma mort future» kündigt die Leuchtschrift...

Weckruf aus Lissabon

Im Mai erlebte Lissabon ein längst überfälliges Revival: «Lindane e Dalmiro», eine tragikomische Oper von João Cordeiro da Silva, uraufgeführt 1789 zum Geburtstag von Königin Maria I. Für die Kammerproduktion hatte die Nationaloper trotz schmalen Budgets exzellente Sänger engagiert. Stück wie Komponist sind heute fast ganz in Vergessenheit greaten, doch an diesem...