Vereist
Riesig ist das Bett, auf dem Violetta liegt, in Laken gewickelt. Mit letzter Kraft schraubt sie sich hoch, als endlich der ersehnte Alfredo das schummrige Zimmer betritt. Nur durch ein winziges Fenster wird es angedeutet. Im Angesicht des Todes beginnt die Protagonistin immer heller und heller zu strahlen, die anderen Anwesenden verschwinden sukzessive als Silhouetten im Dunkel. Bis sich das Licht auch von Violetta allmählich löst und ein heller Balken auf der Projektionsfläche höher und höher steigt.
Mit diesem magischen Finale versöhnt Robert Wilson all jene Besucher des Linzer Musiktheaters, die womöglich eine psychologische Tiefenschau erwartet hatten. Doch nichts liegt diesem Meister der Langsamkeit und seiner bildmächtigen Formensprache ferner. Wilson mit Verdis «La traviata» zu betrauen, einer der turbulentesten Opern der Musikgeschichte, aus der gleichsam das soziale Gewissen der Kunst zu den Massen spricht, konnte nur einem stets das Risiko suchenden Impresario wie Gerard Mortier in den Sinn kommen. Das Teatro Real in Madrid wagte sich nach dessen Tod nicht mehr an die Umsetzung des Projekts, so dass es nun überraschenderweise in Linz aus der Taufe gehoben wurde.
Allen ...
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Opernwelt November 2015
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Reinhard Kager
Nach der konzertanten Aufführung von Meyerbeers «Dinorah», mit der die Deutsche Oper ihr großes Meyerbeer-Projekt vor einem Jahr erfolgreich startete, waren die Erwartungen an die erste szenische Produktion hoch. Sie war gut vorbereitet, basierte – wie erst seit wenigen Jahren möglich – auf der von Jürgen Schläder im Verlag Ricordi (Berlin) herausgegebenen...
Konzertant – eine hübsche Untertreibung war das damals. Als im Februar dieses Jahres Kleopatra-Klone vor dem römischen Parco della Musica Programmhefte an die Besucher verteilten und drinnen die Banda der Staatspolizei in schmucken Uniformen dicht unter der Decke postiert war. Mit ungewohnt warmen Trompetenklängen schickte sie den Hit aus Giuseppe Verdis «Aida» in...
Wagners deutschtümlichste Oper, die «Meistersinger», als ultimatives Paradestück zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung? Ein solcher Rösslsprung gelingt selbst Daniel Barenboim nicht mit links. Kein Zufall, dass er in seiner 20. Wagner-Produktion an der Berliner Staatsoper die politische Mission mit einer dramaturgisch ablenkenden Pointe garniert. Auf...
