Tage der Tat
Irgendwie fühlt man sich als deutscher Tourist in Rotterdam immer ein bisschen klein und schuldig, wenn man unter Wolkenkratzern an modernen Läden und schicken Cafés mit lachenden Besuchern vorbeiflaniert. Denn das kühl glitzernde Hightech-Image, das die Hafenstadt am Rheindelta so radikal vom urbanen Museum Amsterdam unterscheidet, wäre undenkbar ohne die deutsche Bombardierung am 14. Mai 1940, die den alten Hafen und die Innenstadt ausradierte.
Kaum ein altes Gebäude hat überlebt, und direkt hinter meinem gemieteten Hausboot am Wijnhaven, mit dem ich mir für die Zeit des Opernfestivals ein Holland-Klischee erfülle, reckt Ossip Zadkines gespaltene Bronzefrau zur ewigen Mahnung ihre verdrehten Arme in den Himmel.
«Das ist hier immer noch ein großes Trauma», sagt Guy Coolen, der Künstlerische Leiter der Operadagen Rotterdam. Vor einigen Jahren hat man ihn aus Antwerpen geholt: weil er als Chef der Theatertruppe Transparant über internationale Beziehungen und einen Horizont für neue ästhetische Lösungen verfügt; sicher aber auch weil Belgien eher als Opernland gilt als die Niederlande. Neben der Nederlandse Opera in Amsterdam gibt es im Königreich nur zwei Abstecherunternehmen, von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Michael Struck-Schloen
Streng geht es in Olga Neuwirths neuer Oper «The Outcast» zu, einem Auftragswerk des Nationaltheaters Mannheim. Ironische Postmoderne wie in Enno Poppes vier Wochen zuvor im nahe gelegenen Schwetzingen uraufgeführtem Intelligenzquotenspiel «IQ» ist ebenso wenig beabsichtigt wie geschmäcklerische Neoromantik à la Thomas Adès. Neuwirth geht aufs Ganze – übrigens auch...
Es gibt in der Geschichte viele wunderbare Komponisten, deren Werke wir schätzen, die aber die historische Entwicklung der Musik nicht signifikant beeinflusst haben. Einige wenige Komponisten hingegen haben es geschafft, alles vorher Dagewesene zu summieren und gleichermaßen einen Weg in die Zukunft zu weisen – Bach, Schönberg, Wagner und Beethoven sind...
Eine halbe Stunde zuvor: Gesangsübung im oberen Foyer. Beim Einlass dann: ein Notenblatt für jedermann. Und tatsächlich, am Ende des ersten Akts von Händels «Ariodante»: chorische Vorfreude auf die Hochzeit des Titelhelden mit der schottischen Prinzessin Ginevra – und das Publikum ist dabei, wenn auch etwas verzagt. Kein aufdringlicher Gag – das hat der...
