Sumpf und Hohlraum

Brüssel, Berg: Wozzeck

Opernwelt - Logo

Wozzeck legt sein Ohr an die Erdkruste: Alles hohl, sagt er, und vermutet als Grund die Freimaurer. Aktuelle Bilder treten einem bei dieser Aussage vor Augen: Die Erde wird ausgehöhlt, das Öl abgezapft, Kohle so lange abgebaut, bis die trügerische «schöne» Oberfläche einstürzt. Menschlicher Forschungsgeist, menschliche Geldgier, menschliche Uneinsichtigkeit gründen eine unheilige Allianz.

Das leidende Individum heißt Woz­zeck: nützlicher Vollidiot, sprich: Soldat, Versuchskaninchen der Medizin für ein paar Groschen Honorar, das er dann noch für eine zerrüttete Familienbande opfert. Eine Art Hartz-IV-Existenz aus dem frühen Industriezeitalter. Georg Büchner, der sensible, ahnungsvolle Dichter des neunzehnten Jahrhunderts, war gar nicht einmal so weit von unseren Tagen entfernt, als er die Geschichte des armen Soldaten Woyzeck und dessen Umwelt in griffigen theatralischen Szenen einfing.
Wer das Stück heute wieder (einmal) liest, staunt über die Hellsichtigkeit einer poetischen Imagination, die über die eigene Gegenwart hinaus weit in die Zukunft weist. Das haben auch Komponisten gespürt. Manfred Gurlitt, der Büchners «Woyzeck» kongenial in musikdramatische Szenen fasste, und, mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2008
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Gerhard Rohde

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kreativer Pragmatismus

Zum Finale der jüngsten Premiere regnete es rote Rosen aus dem Schnürboden. Da waren nämlich der König und die Blumenverkäuferin mit dem demokratischen Rückenwind von Volkes Stimme auch ganz offiziell ein Paar geworden. Vorher gab es im Operettenstaat Portowa zunächst das Greisenregime einer herrischen Regentin, eine falsche Revolution und einen...

Aus dritter Hand

Die Castorf-Epigonen gehen um. Zwei lebendige Momente hatte Benedikt von Peters Inszenierung von Händels «Teseo» (1713) an der Komischen Oper immerhin: Der eine ereignete sich nach fünfundvierzig Minuten, als zu den Klängen der feierlichen ­Ouvertüre der Eiserne Vorhang hochfuhr und den Blick auf das verregnet-morastige Schlachtfeld vor Athen freigab. Die Ouvertüre...

Ein Eisberg für alle

Bisher war Sydney die einzige Stadt der Welt, deren Wahrzeichen ein Opernhaus ist. Ganz wie auf dem fünften Kontinent wird bald auch in der alten Welt eine Stadt in Europa ein Haus für Musiktheater zur Ikone erheben: Ausgerechnet in Oslo wird am 12. April ein spektakulärer Opernneubau eingeweiht, der die Holmenkollen-Skisprungschanze als Wahrzeichen der...