Schönheit durch Widerstand
Keine Menschenseele war zu sehen, damals, am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei atemraubenden minus 35 Grad Celsius. Dann doch lieber das Gegenteil: gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde gereicht, warmes Bier, schwersüßer Rotwein; Zigarettenqualmwolken stiegen zur Decke, Stimmen, Körper, Gedanken verknäuelten sich.
Und irgendeinem der Beteiligten gelang es immer wieder auf wundersame Weise, weitere Getränke herbeizuzaubern. Die Stimmung war entsprechend ausgelassen – trunken irgendwie.
Premierenfeiern sind meist lustig. Diese, an einem Wintertag 2010, war es ganz besonders, weil sie improvisiert war, ein plötzlicher Regieeinfall, womöglich eine charmante Laune des Schicksals. Und weil die Party nicht in einem schmucken Ballsaal stieg, sondern in den Büroräumen jenes Mannes, der wenige Stunden zuvor, bei der Wiederaufnahme einer merklich angestaubten «Bohème»-Inszenierung, erneut gezeigt hatte, welch enormes Talent in ihm steckt. Erstaunlich, ja unerhört, was da aus dem Graben herauskroch: ein leiser, ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten
Der Dichter leidet. «Hör’ ich das Liedchen singen, / Das einst die Liebste sang, / So will meine Brust zerspringen / Vor wildem Schmerzensdrang.» So ritzte es Heinrich Heine in seinem «Lyrischen Intermezzo» aus dem «Buch der Lieder» ins Papier, tränenüberströmt vermutlich. Robert Schumann komponierte dazu im zwölften Lied seiner «Dichterliebe» eine Musik, die so...
Endlich wieder eine Uraufführung auf der Hauptbühne des Gran Teatre del Liceu in Barcelona; die letzte, Joan Guinjoans Oper «Gaudí», liegt fast 15 Jahre zurück (siehe OW 1/2005). «L’enigma di Lea» von Benet Casablancas, 1956 geboren, Katalane und Schüler unter anderem von Friedrich Cerha, wurde 2011 vom damaligen Künstlerischen Leiter Joan Matabosch in Auftrag...
Bei einem Souper in einem Pariser Salon hatte Gioachino Rossini eine für ihre fragwürdigen Sangeskünste bekannte Dame zur Tischnachbarin. Ihrem in dieser Hinsicht zweifelhaften Ruf zum Trotz wurde sie um eine Gesangsspende gebeten. Nach einigem Zieren kündigte sie eine Arie von Rossini an; davor flüsterte sie dem Komponisten zu: «Ich habe solche Angst!» Rossini:...
