Schlechtes Timing
Eine ordentliche Landschaft aus Holzplanken, zeitlich im Großraum «historisch» situiert. Links steht eine Hütte, rechts deutet ein Boot ein Gewässer an. Eine Rampe zieht sich quer durch den Bühnenhintergrund, den Hang hinab fällt ein messianisches Licht – von hier muss Onegin kommen. Der erweist sich freilich nicht als Messias, nicht einmal als strahlender Galan, sondern als Durchschnittsmensch im braven Pullunder. In dem erstickenden Haushalt der Larina erscheint noch die geringste Abwechslung als Gelegenheit zur Flucht.
Anders lässt sich schwer nachvollziehen, wie dieser Onegin Tatjana derart aus der Fassung bringen kann. Hätte er sie wohl auch zurückgewiesen, wenn er gewusst hätte, dass sie zu spontanen nächtlichen Flussbädern und Herumtollen auf der Rampe fähig ist, nasses Nachthemd im Vollmondschein inklusive?
Doch er weiß von solchen Eskapaden nichts, nestelt peinlich berührt an Tatjanas Liebesbrief, ohne sein Zutun zum Ideal geworden, zum Liebesobjekt. So weit entspricht das einer gängigen Interpretationslinie. Doch diese Inszenierung geht noch weiter: Onegin ist nicht schuld, an nichts, nie. Auch für das Duell kann man ihn nicht verantwortlich machen. Olga benutzt ihn, um ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Wiebke Roloff
Für viele gehört Dietrich Fischer-Dieskau neben Enrico Caruso und Maria Callas zu den drei wichtigsten Sängern des 20. Jahrhunderts. Was er mit den beiden gemeinsam hatte, war weder das Repertoire noch die Art zu singen, sondern die immense, durch Aufnahmen gestützte Wirksamkeit. Fülle und Vielfalt seines Repertoires waren und sind ohne Vergleich. Er hob das...
Mitten hinein in den Höhepunkt der Kölner Opernkrise fiel die letzte Neuproduktion für das marode Stammhaus am Offenbachplatz, das zwecks Sanierung nun bis 2015 geschlossen bleibt. Anfang Mai gingen noch die Wogen über die nicht gesicherte Finanzierung der kommenden Spielzeit und den angekündigten Abgang des Intendanten Uwe Eric Laufenberg hoch, die Premiere von...
Streng geht es in Olga Neuwirths neuer Oper «The Outcast» zu, einem Auftragswerk des Nationaltheaters Mannheim. Ironische Postmoderne wie in Enno Poppes vier Wochen zuvor im nahe gelegenen Schwetzingen uraufgeführtem Intelligenzquotenspiel «IQ» ist ebenso wenig beabsichtigt wie geschmäcklerische Neoromantik à la Thomas Adès. Neuwirth geht aufs Ganze – übrigens auch...
