Schießen Sie nicht auf den Pianisten

Weber: Der Freischütz
Wien | Staatsoper

Opernwelt - Logo

Ein gutes Tier ist das Klavier. Still, friedlich und bescheiden steht es auf Gary McCanns Theater-im-Theater-Bühne für Christian Räths Neuinszenierung des «Freischütz» an der Wiener Staatsoper, wird zu einer Art stillem Teilhaber des Abends. Gelegentlich stürzt der Virtuos’ darauf los – in Gestalt von Max, der in dieser Produktion nur nebenbei Jäger, im Hauptberuf Tonschöpfer ist. Wobei ihn auch bei seiner Kompositionstätigkeit die Fortune verlassen hat.

Freilich scheint Künstler Max sich dies alles bloß zu erträumen.

Der Traum ist ja nicht nur «eine Schutzwehr gegen die Gewöhnlicheit des Lebens» (Novalis), sondern zugleich für den Regisseur auch eine Bastei gegen allfällige Vorwürfe wegen erzählerischer Unlogik. Im Traum ist alles erlaubt. Beispielsweise, dass statt des Urvaters Bildnis jenes von Carl Maria von Weber zu Boden fällt, der Eremit inmitten eines Kronleuchters herabgleitet und der Schwarze Jäger quasi als Fledermaus aus dem Schnürboden hängt. Oder dass Agathe und Ännchen (Letztere im Hosenanzug und mit silberner Pagenperücke ein Geschwitz-Klon und Octavians Zwilling) eine genderpolitisch trendige Liaison einzugehen scheinen. Und dass auch Max eine solche mit Caspar ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2018
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Ungeschminkt

Ferruccio Busonis 1925 uraufgeführter «Doktor Faust» gehört zu den großen Bekenntniswerken des Musiktheaters aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bekenntnisse sind bekanntlich von theatralisch sprödem Stoff und haben es entsprechend schwer auf der Bühne, sodass dieses faszinierend-problematische Stück, das Busoni über ein Jahrzehnt beschäftigte und dennoch...

Um der Wahrheit willen

Über Aktualität und Relevanz der Oper wird seit ihren Anfängen gestritten. Und die Rhetorik der Unmöglichkeit, ja vom Tod der Gattung bildet von jeher die Begleitmusik. Besonders an ihrer Inszenierung, am zeitgebunden wechselnden Zusammenspiel von Klang, Körper, Kostüm, Licht und Raum entzünden sich immer wieder heftige Debatten. Doch was heißt es eigentlich, die...

Wein, Weib und Gesang

Der Mann ist hier Mr. No, sogar Mister No-Go. Eine Namensverbotszone ist das, die von Kranzberg, Inn und den Ausläufern des Wilden Kaisers begrenzt wird. «Der Blogger» wird er in Erl nur genannt, erst recht vom Prinzipal. Überhaupt möchte sich Gustav Kuhn zur Affäre nicht äußern. «Das liegt bei den Anwälten», sagt er, um dann im persönlichen Gespräch ausgiebig vom...