Quicklebendige Groteske
In der russischen Literatur wimmelt es von passiven Anti-Helden. Der berühmteste, Oblomow, hat Eingang in den psychiatrischen Jargon gefunden: als willensschwacher, apathischer Neurotiker. Zu Oblomows Geistesverwandten gehört auch die Hauptfigur in Gogols «Heirat» von 1842: Podkoljossin trägt sich mit Gedanken an die Ehe, kann aber nur mit Mühe von der Heiratsvermittlerin und Freund Kotschkarjow zur Brautschau überredet werden.
Als sich dann Agafja schon auf ihr Glück freut, packt Podkoljossin die Panik: Ein Sprung aus dem Fenster bewahrt ihn vor der ersten wirklichen Entscheidung seines Lebens.
Gogols Zweiakter inspirierte Mussorgsky zu dem Versuch, einen Prosatext völlig unverändert in Musik zu setzen. Was im Zeitalter der «Literaturoper» normal scheint, überstieg im Jahr 1868 jegliches Vorstellungsvermögen: Wie sollte frei dahergesprochene Alltagssprache ohne jeden Rhythmus, ohne Verse und Reime Melodien tragen können? Aber Mussorgsky ging es nicht um Melodien, sondern um eine neue Form der Sprachkomposition, um den Tonfall der Alltagssprache. Allerdings verlor er schnell die Lust, schon nach vier Szenen brach er seine nur im Klaviersatz ausgeführte Komposition ab und machte sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Jeder stirbt für sich allein. Der Tod macht hilflos, sprachlos. Auf dem Weg vom Hier zum Dort ist der Mensch auf sich zurückgeworfen. Egal, woher er kommt. Egal, wo er steht. Egal, wer bei ihm ist. Wenn das sichere Ende naht, hilft nur noch Gott. Oder die Musik. Oder gar nichts. Denn der Tod ist auch banal, das Sterben eine ziemlich triviale Sache. Ein Geschäft zum...
Diesem Gott darf man nicht trauen: Keine Heilsgestalt, sondern heimtückischer Anführer einer Sex-Sekte ist der Dionysos, der im bedrückten Theben auftaucht. Und der verheißungsvoll morgendämmernde Schluss von Hans Werner Henzes «Bassariden», seinem wohl bedeutendsten Bühnenwerk, markiert nichts anderes als den Wechsel von politischer Instabilität zur Grabesruhe...
Seit Jahren, so unkte vor einiger Zeit der Pop-Kritiker einer großen deutschen Tageszeitung, wären Musikkonzerne und Plattenfirmen damit beschäftigt zu schrumpfen, zu fusionieren oder zu sterben. Dazu auch die Aufnahmestudios. Denn immer mehr Künstler nutzten die Möglichkeiten, die neue Software und schnellere Rechner bieten; so breitete sich im gesamten Pop quasi...
