Publikumsbeschimpfung
Was tun, wenn jedes Instrument und jede vorstellbare Spieltechnik (oder Gesangstechnik oder Vortragsweise) erprobt, in die musikalische Praxis integriert und in mediale Kreisläufe eingespeist wird? Wenn also jeder Klang zugleich sedimentierte Musikgeschichte ist? Wenn das Publikum in so ziemlich allem, was es zu hören bekommt, nicht zunächst das Neue wahrnimmt, sondern das Alte wiedererkennt? Das Problem ist nicht ganz neu, spätestens seit dem Ende des seriellen Paradigmas arbeiten sich Komponisten daran ab.
Niemand aber hat daraus radikalere Konsequenzen gezogen als der Komponist Johannes Kreidler: «Wer für Geige schreibt, schreibt ab.»
Mit dieser griffigen Formulierung umreißt er die Ausgangslage. Das Vorhandene weiterzuentwickeln, auch im Widerspruch zu etablierten Konventionen, wie das für Komponisten früherer Jahrhunderte noch möglich war, ist für ihn keine Option: Im Zeitalter medialer Allverfügbarkeit von Musiken jedweder Herkunft und Stilistik besteht seine Methode darin, mit Samples aus diesem unübersehbaren Angebot zu arbeiten und sie neu zu kontextualisieren. Dazu gehören, als akustisches Signum einer Zeit, in der Musik oft nur als Hintergrundgeräusch wahrgenommen wird, ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Ingo Dorfmüller
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JUBILARE
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