Monsieur 100 000 Volt
Luigi Cherubinis 1791 am Pariser Théâtre Feydeau, der Hochburg der Royalisten, mit sensationellem Erfolg uraufgeführte Rettungsoper «Lodoïska» schwankt zwischen empfindsamer Melodik und hektischem Streichergestichel. Die staccato-Orkane wollen die Gewalt wilder Emotionen und krasser Situationen so nackt wie möglich in die Ohren peitschen. Kein Wunder, dass Beethoven begeistert war. Cherubinis zerrissener, oft grell aufflammender Orchestersatz, durch dessen dichtes Gewebe sich Myriaden von Nebenstimmen ziehen, wirft seine Schatten auf den späteren Sinfoniker voraus.
Im Terzett des ersten Akts begegnen wir in nuce dem immer wieder «gegen die Wand» rennenden Kopfthema der «Eroica». Die inhaltlichen und musikalischen Bezüge zum 14 Jahre jüngeren «Fidelio» liegen auf der Hand.
Auch Mozart ist nah. Zum Beispiel im wie beim Sesto («Titus») von der Klarinette umspielten Duo des ersten Akts. Die Melodien zerfallen oft in winzige Motivscherben oder bleiben ganz aus. Meist herrscht wie in Cherubinos «Non so più» reiner Affekt. Der gehetzte Puls entsprach offenbar dem Lebensgefühl der durch Sturm und Drang und Revolution geprägten Zeit. Varbel, die ewig hungrige, aber intellektuell vife ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Boris Kehrmann
Händel scheint seinen Fuß endgültig in der Türe der Opernhäuser zu haben. Nicht zuletzt, weil – wie ein kluger Kopf im Jahrbuch dieser Zeitschrift bereits vor zehn Jahren feststellte – sein Œuvre und die Barockoper überhaupt zum Musiktheater der Postmoderne geworden ist: ganz auf der Höhe der Zeit wegen der Gebrochenheit der Charaktere und einer Vermischung von...
Humor, Witz, Spaß – mit dem Komischen tut sich die Musikavantgarde meist schwer. Lacher sind nur erlaubt, wenn sie im Halse stecken bleiben. Wenn sie schwarz klingen, schwer, verquer. Dada war gestern. Der heilige Ernst strukturellen Denkens, so scheint es, schluckt allzu oft die Lust auf intelligenten Schabernack. Experiment und heiterer Esprit, Komplexität und...
Da scheint einer Fuß zu fassen. Eine ästhetisch sehr bewusste Art, Oper zu machen, scheint in Zürich angekommen zu sein. Die Zustimmung, zumindest in den Premieren von Andreas Homokis Team, ist bemerkenswert. Das bedeutet auch: Ein stets als etwas genusssüchtig eingestuftes Publikum bewährt sich vor den Ansprüchen, die die neue Intendanz stellt. Mag sein, dass das...
