Sinn, Sinnlichkeit, Slapstick
Humor, Witz, Spaß – mit dem Komischen tut sich die Musikavantgarde meist schwer. Lacher sind nur erlaubt, wenn sie im Halse stecken bleiben. Wenn sie schwarz klingen, schwer, verquer. Dada war gestern. Der heilige Ernst strukturellen Denkens, so scheint es, schluckt allzu oft die Lust auf intelligenten Schabernack. Experiment und heiterer Esprit, Komplexität und comedy – geht das wirklich nicht zusammen? Unsinn, zwinkert uns die Italienerin Lucia Ronchetti zu. Zum Beispiel mit «Last Desire», einem skurrilen Impromptu über Oscar Wildes «Salome» (siehe OW 2/2005).
Oder mit ihrer raffinierten, lautsinnlichen Vokalquartett-Version des berühmten «Pinocchio»-Stoffes. Freilich hat die 1963 in Rom geborene Komponistin nicht die Story Carlo Collodis vertont, sondern ein vielfach verschachteltes und verrätseltes «Parallelbuch» des Sprachjongleurs Giorgio Manganelli fortgeschrieben. Vier Stimmen (Counter, Tenor, Bariton, Bass) schickt Ronchetti da in eine Art Hörzirkus, wo es munter drunter und drüber geht. Es wird palavert und schwadroniert, es zirpt, lallt, knurrt, singt, schnurrt, ächzt und pfeift, dass es eine Freude ist und wir nie recht wissen, wer hier eigentlich wen auf den Arm nimmt. ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 29
von Albrecht Thiemann
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Im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, 1915, beendete der Wiener Akademielehrer Franz Schreker seine Oper «Die Gezeichneten». Was er hinter der Maske der italienischen Renaissance, im alten Genua, an Personal vorführte, waren die Protagonisten seiner eigenen habsburgischen Umwelt, in der sich Biederkeit und Ausschweifung, zackige Männlichkeit und Psychoanalyse...
