Menschenkäfig
Der 1724 entstandene «Tamerlano» ist Händels finsterste, kühnste Oper, ihr Ausgangspunkt ein historisches Ereignis: der Kriegszug des Mongolen-Khans Tamerlan, der 1402 den türkischen Sultan Bajazet besiegte und diesen dann in einem Käfig mit sich führte. Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather und sein Bühnenbildner Paul Steinberg greifen diesen Ausgangspunkt der ansonsten in allen Details frei erfundenen Handlung auf und versetzen Ausführende wie Zuschauer in einen weißgekalkten, von kaltem Neonlicht erhellten Bunker.
Auf der Spielfläche platziert: ein überdimensionaler Maschendrahtkäfig, in den Tamerlano zu Beginn das Orchester samt Dirigenten einschließt, ehe er – mordlüsterner Psychopath und unterhaltsamer Showmaster in einer Person – seine Gefangenen in ein makabres Spiel voller Hass und Verzweiflung mit- und gegeneinander stürzt.
Schlather outet ihn als US-Landsmann – mit Cowboyhut, Brille und Schnauzer eine wirre Mischung aus größenwahnsinniger Rambo- und perfider Comedy-Figur. Lawrence Zazzo spielt dieses Ekelpaket mit sadistischer Brillanz und zynischer Süffisanz. Mal lässt er die Peitsche knallen, mal verschenkt er Dosenfreibier, dann foltert er Bajazet, indem er ihn ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Uwe Schweikert
Nomen ist hier für einmal nicht omen, denn es ist keineswegs ein Fischen nach Komplimenten, das Adam Fischer – der am 9. September 2019 70 Jahre alt wurde – am Ende des Buchs betreibt, wenn er unter dem Titel «Und das hätte ich gesagt?» feststellt, er habe sich quasi durch diese Biografie selbst mehr zu schätzen gelernt. Nicht ohne Ironie schreibt er, Autor...
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu...
Lieber Herr Marton, ist das gute, alte Stadttheater, wie es in Deutschland existiert, generell ein Ort für Sie?
Es ist eher die Frage, ob es ein Ort für Musiktheater ist. In Deutschland existiert immerhin dieser Begriff «Musiktheater», der auch experimentelle Formen jenseits der Oper oder des Musicals bezeichnet. Aber institutionell existiert diese Genre – anders...
