Imaginäre Bühne
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu einem Ganzen gefügt, so berichtet Hector Berlioz später in seinen «Mémoires».
Die Metapher der Reise, die voller Überraschungen ist, wird zum Gegenmodell einer nach den Regeln der Kunst funktionierenden Operndramaturgie. Dass Berlioz, dem die Pariser Opéra so gut wie verschlossen blieb, mit konzertanten «Mischgattungen» wie «Roméo et Juliette» und «La Damnation» nolens volens Notlösungen produziert habe, ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich etabliert er mit seinem Faust eine neue, revolutionäre Ästhetik, in der Teile und Ganzes in ein neues Spannungsverhältnis treten, dem mit Konventionen und einem organischen Kunstbegriff nicht beizukommen ist. Zugleich bleibt er bei den großen Leidenschaften der Oper, nennt das Werk zunächst «Opéra de concert» und schafft damit eine neue (imaginäre) Bühnendramaturgie der Brüche, ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Klaus Heinrich Kohrs
Sie wurden geliebt, sie wurden gefeiert. Sie erhielten die denkbar höchsten Gagen, sie waren die Helden der Höfe. In ihnen sah man das Ideal der Reinheit bewahrt – nota bene: die Reinheit der Kunst. Und jeder, der sein Herz an die Bühnenwerke des Barock verloren hat, kennt ihre berühmtesten Vertreter: Farinelli, Senesino, Caffarelli, Carestini, Nicolini. Doch nur...
Die Bühne dreht sich – wie jene Schraube, die im Titel rotiert. Mit jeder Windung, jedem «Turn of the Screw» erhöhen sich in Benjamin Brittens Kammeroper Druck und Beklemmung. Für die Akteure wie für die Zuschauer. Regisseur Peter Carp und Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer entwickeln über rund zwei Stunden im Großen Haus des Theaters Freiburg einen Spannungsbogen wie...
Wenn zum Happy End alle Solisten den Schlusschor anstimmen, langsam in die Bühnentiefe abgehen, das Orchesterspiel abbricht, der entschwindende Gesang immer leiser wird und das Licht allmählich verlischt, bis Dunkel und Stille herrschen, hat man als Zuschauer im Schwetzinger Rokokotheater die erfolgreiche Wiedergeburt eines Stücks erlebt, das 300 Jahre unter...
