Mensch, Tier, Zeichen, Ding
Wenn einer in biblischem Alter noch staunen kann wie ein Kind und wenn er, mehr noch, andere mit der elementaren Kraft dieses Staunens anzustecken, mitzureißen, zu verzaubern versteht, dann ist man versucht, von einer genialen Gabe zu sprechen. Achim Freyer, der große Maler und Spieler, Sinnsucher und Rätselmann, ein Magier des Theaters, der mit fast jeder seiner Arbeiten für die Opernbühne ein wundersam offenes Kunstwerk schuf, das alle Deutungsversuche überschießt, hat sich diese Gabe auch im 78. Lebensjahr bewahrt.
Es müssen kosmische Blitze sein, die Freyers vitale Schöpferkraft immer wieder elektrisieren. Die hohen Gagen, die er fordern kann, um sein Ensemble und jene Gründerzeitvilla in Berlin-Lichterfelde zu finanzieren, die ihm als Rückzugs- wie Arbeitsstätte dient und die er eines Tages als Privatmuseum zugänglich machen möchte, dürften den geringsten Anteil an der Befeuerung seines kreativen Furors haben – Geld ist Mittel zum Zweck, die Voraussetzung dafür, dass er den ewig bohrenden Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum der Schöpfung nachgehen kann. In mächtigen, archaischen, traumverlorenen Bildern, die uns auf geheimnisvolle Weise die Sinne öffnen und das Denken ...
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Opernwelt Juli 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann
Dass England zwischen Purcell und Elgar das «Land ohne Musik» gewesen sein soll, ge-
hört zu den geistvollen Gemeinplätzen, die auch Generationen patriotischer Musikwissenschaftler, Künstler und die «Early English Opera Society» nicht aus der Welt räumen konnten. Die Bemühung um eine englischsprachige Oper begann 1656 mit Sir William Davenants «The Siege of Rhode»...
Aktueller kann Oper kaum sein: Gerade hat Norddeutschland eine der längsten Trockenperioden seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt, da führt Jörn Arneckes Musikdrama «Kryos» dem Publikum die erschreckenden Folgen einer Klimakatastrophe vor Augen – in einer Science-Fiction-Utopie mit Tiefgang und doppeltem Boden. Im 23. Jahrhundert, nachdem ein Großteil der...
«Wir arme Leut’», singt Wozzeck, als der Hauptmann ihm Moral predigt. Ein Erniedrigter und Beleidigter. Alban Berg hat in seiner Vertonung von Büchners Fragment Armut und Verelendung ins Zentrum gestellt. Die Versuchung drängt sich auf, entweder Elendskitsch oder ein heutiges Hartz-IV-Drama in prekärem Milieu zu zeigen.
Regisseur Ingo Kerkhof ist im Kölner Palladium...
