Mal ehrlich Juni 2017

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Vor langer Zeit hat mir eine Kollegin von einer Auseinandersetzung mit einem Regisseur erzählt. Ich habe die Anekdote nie vergessen. Sie schuftete als Fiordiligi für eine Wiederaufnahme. Auch bei der Premiere war sie dabei gewesen, jetzt – mit Abstand – schien ihr manches noch absurder als zuvor.

Als es an «Per pietà» ging, konnte sie sich die Frage einfach nicht verkneifen: «Wieso, bitte schön, muss ich das eigentlich unbedingt auf dieser Rudermaschine singen?» «Weil zwanzig andere schon Schlange stehen, wenn du’s nicht machst», gab der Regisseur in eisigem Ton zurück – also warf sich die Kollegin in die Riemen, bis ihr der Angstschweiß nur so vom Kinn tropfte. Ich muss daran immer denken, wenn das Thema Nacktheit auf der Tagesordnung steht.

Unlängst – ich hatte mich sowie schon, quasi standardmäßig, bis auf die Unterhose entblößt – tönte es wieder einmal vom Regiepult: «Chris, wie sieht’s aus?» Ich wette, Sie alle haben schon Opernsänger ohne Hüllen gesehen. Wie das aussieht? Mal ehrlich, meistens nicht so gut. Und dass wir vor 2000 Zuschauern unsere Weichteile schwenken müssen, ist seit Jahrzehnten Bühnennormalität. Neu oder gar schockierend ist das Garten-Eden-Kostüm nicht. Eher peinlich, fast immer unfreiwillig komisch. «Och nö! Nicht schon wieder», haben Sie sicher schon oft gedacht. Nun, ich dachte das auch, verkniff’s mir aber, wegen der zwanzig anderen in der Schlange.

Sorgsam wog ich meine Worte. «Ich rücke meine Unterhose gern raus – wenn’s für einen guten Zweck ist. Ich sorge mich bloß, dass in dem Augenblick, in dem das Publikum mein schrumpliges Glied sieht, keiner mehr an die Geschichte denkt, die wir hier erzählen, sondern alle nur noch eine Frage haben: ‹Wie, um alles in der Welt, hat der Regisseur diesen Typ dazu gebracht, sich nackig zu machen?!?›». Von vorne kam ein «Hm», gefolgt von einer kritischen Musterung meiner mittelprächtigen Gegebenheiten. «Das kann natürlich sein. Vergessen wir’s.» Voilà, mes enfants! So macht’s der Meister. So behält man seine Kleider und den Job.

(Aus dem Englischen von Wiebke Roloff)


Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 77
von Christopher Gillett

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