Lockruf aus Las Vegas

London, English National Opera, Wagner: Götterdämmerung

Opernwelt - Logo

Was deutsch und echt, scheint manchem Engländer noch immer verdächtig. Vor allem die «Tabloids», die Boulevardzeitungen, lassen kaum eine Gelegenheit aus, den Teutonen verbal eins aufs Haupt zu geben, sei’s beim Fußball, sei’s gar beim bayerischen Papst. Die respektlos-flapsige Headline der «Sun», «From Hitler youth to Papa Ratzi», hat in Deutschland böses Blut gemacht.
Nicht neu, aber unter diesen Umständen auch nicht überraschend wäre es gewesen, wenn Phyllida Lloyd bei ­ihrer modernen «Ring»-Exegese an der ENO auf diese «Erbfeindschaft» abgehoben hätte.

Speziell in «Götterdämmerung» (bzw. «Twilight of the Gods», in Jeremy Sams’ respektlos-direkter Übersetzung): Leni Riefenstahls «Triumph des Willens» hätte sich als Zitat etwa für die Versammlung von Hagens Mannen vorzüglich geeignet. Doch erfreulicherweise keine Spur davon; eher scheinen die Krieger einem amerikanischen ­Science Fiction-Film entsprungen. Wie ihr Boss sie als eine Art Darth Vader zu den Klängen der im Zuschauerraum verteilten Stierhörner zu den Waffen ruft, ist beklemmend. Urplötzlich freilich präsentieren die schwar­zen Schemen sich zum Empfang von Gunther und Brünnhilde in bunten T-Shirts. Ein Coup.
Ein anderer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2005
Rubrik: panorama, Seite 43
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Schurke als Tenor

Nach Donizettis Dogendrama «Marin Faliero», das vor zwei Jahren im venezianischen «Teatro Malibran» zu neuem Leben erweckt wurde, hat sich das «Teatro La Fenice» nun der ebenfalls halbvergessenen «Pia de‘ Tolomei» angenommen – eine weitere Trouvaille. Im Jahr 1836 bei Donizetti und dem neapolitanischen Routinelibrettisten Cammarano in Auftrag gegeben, sollte dieses...

Müller-Siemens: Die Menschen

Mit seinem Engagement für Zeitgenössisches stieß ­Aachens scheidender Intendant Paul Esterhazy auf unterschiedliche Reaktionen. Als Dramaturg begleitete er die Mannheimer Uraufführung von Detlev Müller-­Siemens’ «Menschen» und hat das Werk jetzt nach ­Aachen geholt. Ein «harter Brocken», nimmt das Werk doch radikal Abschied von Traditionen. Der Komponist spricht...

Tan Dun: Tea

Er weiß offenbar genau, mit welcher Marketing-Strategie man sich heutzutage gut verkauft: ein bisschen chinesische Tradition (aber eher in Form netter, leicht konsumierbarer Chinoiserien und Kantilenen voll von kitschnahem Wohllaut), dazu eine gute Prise avantgardistisch anmutender Geräusche, von plätscherndem Wasser über raschelnde Papierbahnen bis hin zu...