Lebende Skulpturen
Wie eine Walze aus Leibern rollt der Chor die Terrassenbühne hinunter auf das Publikum zu. Bildet einen Schwarm, der sich zusammenzieht, auseinanderstiebt. Beben der Furcht, Wogen der Ekstase, Stürme der Wut: Masse ist Macht.
Es gibt Chordirigenten, die «Moses und Aron» nachts nicht schlafen lässt. Schönbergs Oper ist kein Zuckerschlecken. Abhängig von totaler Präzision und stilistischer Versatilität. Oft unangenehm für die Stimme – was Schönberg von den Ersten Tenören und Ersten Sopranen verlangt, kommt Hochleistungssport gleich.
Auch einer starken Kondition bedarf es, denn ab der dritten Szene, wo der Chor zum ersten Mal auf die Bühne kommt (Moses und Aron verkünden dem Volk die Botschaft Gottes), wird 90 Minuten nonstop durchgespielt. Eine Herausforderung. Potenziell ein Alptraum. «Für mich ein Traum», sagt David Cavelius, Chordirektor der Komischen Oper Berlin, und hinter den Brillengläsern blitzen seine Augen herausfordernd. «Aber die Voraussetzungen müssen stimmen.»
Die wichtigste: Zeit, Zeit und nochmals Zeit. «Sonst kann man es gleich lassen. Es sei denn, man gibt sich damit zufrieden, den Chor statisch zu arrangieren. Oder, noch schlimmer, mit Noten auf die Bühne zu ...
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Opernwelt Jahrbuch 2015
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 114
von Wiebke Roloff
Strauss’ «Daphne» (mit Agneta Eichenholz in der Titelpartie) verortet Christof Loy «in einem Klima kaum mehr nur latenter Gewalt und permanenter männlicher Brunft» (OW 4/2015). Was am Theater Basel zu besichtigen war, «kann man das Prinzip Loy nennen. Es ist das Prinzip Verknappung, das Prinzip Andeutung.»
«Die Sache mit der großen Liebe, der wahren, alles...
Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» – Andrea Breth hat das Stück in Stuttgart als zeitloses Schreckensbild einer sinnentleerten Moderne inszeniert, als Chiffre unserer Menscheinsamkeit, Gottverlassenheit. Sie bestand darauf, die Kammeroper auf der großen Bühne zu zeigen. Und führte die Sturm-und-Drang-Figur als Inbegriff des geschundenen Menschen vor. Sein Körper: ein...
Plüschwerk für harmoniebedürfige Abonnenten? Bequeme Polsterware für kassenbewusste Spielplangestalter? Dieses Image hat die Operette abgestreift. Fast überall vorbei die Zeit der Saubermann-Bearbeitungen aus den Wirtschaftswunderjahren. Her mit dem damals unterschlagenen dreckigen Ton, dem frechen Orchesterklang, dem scharfen Witz! «Rekonstruktion» lautet heute...
