Kurz und bündig
Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein. Verdi, der Komponist des Risorgimento. Verdi, ein Mann des Volkes. Verdi, der Nationalheld, der mit «Va, pensiero, sull’ali dorate», dem berühmten Gefangenenchor aus «Nabucco», die Unabhängigkeitshymne Italiens schrieb. «Viva V.E.R.D.I.» – selbst der Schlachtruf, mit dem italienische Patrioten Vittorio Emanuele Re d’Italia, das erste Oberhaupt der befreiten Nation, feierten, fand Eingang ins legendäre Bild: Künstler und König, vereint im selbstlosen Kampf für Volk und Vaterland.
Wunschvorstellungen, Projektionen einer für bare Münze genommenen Mythografie sind das für Anselm Gerhard. Seit Jahren nimmt der Berner Musikhistoriker die scheinbar unverwüstlichen Klischees der Verdi-Rezeption auseinander. Und hat zahllose Ungereimtheiten aufgedeckt, die das liebgewonnene Image vom guten Menschen aus Sant’Agata in Frage stellen. Ein Image, das Verdi nach Kräften förderte. Über die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens zum Beispiel geben fast nur Selbstzeugnisse des arrivierten Komponisten Auskunft, «die man wohlwollend als effektsichere, mit theatralischem Gespür verfasste Selbstinszenierungen bezeichnen könnte, weniger wohlwollend aber als ...
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Opernwelt August 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 36
von Albrecht Thiemann
Kaum eine Verdi-Darstellung verzichtet darauf, den bekanntesten Brief des Komponisten zu zitieren: «Das Wahre kopieren mag eine gute Sache sein, aber das Wahre erfinden ist besser, viel besser.» Aus dieser spontanen Äußerung nach dem Besuch eines zeitgenössischen Schauspiels ein ästhetisches Credo abzuleiten, ist so verführerisch wie riskant – umso mehr, als das...
Hindemiths Einakter-Triptychon sorgte in den Roaring Twenties für diverse Theater-Skandale, war dem Autor aber selbst bald so peinlich, dass er es aus dem Verkehr zog und schließlich 1958 ganz verbot. Heute findet es – zuletzt in Bonn (siehe OW 11/2012), jetzt in Osnabrück – als Manifest des musikalischen Expressionismus zu Recht Interesse, auch wenn seine...
Die amerikanische Avantgarde-Schriftstellerin Gertrude Stein träumte davon, Bilder in Texte zu «übersetzen». Ausgangspunkt waren die kubistischen Kompositionen ihrer Malerfreunde Picasso und Braque. Dabei ging es ihr nicht um die Beschreibung ästhetischer Erfahrung, sondern um die Nachbildung von Strukturen, Rhythmen, Farbwerten mit den Mitteln der Sprache,...
