Im Anblick der Musik
Wahre Wunder sind «leichter zu wiederholen, als zu erklären», sagte Friedrich Hebbel. Das Wagner-Wunder von Minden aber hat sich in diesem Herbst schon zum achten Mal wiederholt, mag man dran glauben oder nicht. Letztlich ist es eine Frage der eigenen Anschauung, der Bahnhof in dieser kleinen ostwestfälischen Stadt wird ja nach wie vor von der Deutschen Bahn frequentiert, und wer will, kann sich leicht selbst seinen Reim auf diese bürgerstolze Kulturtat machen.
Dass in Minden, wo es kein städtisches Theaterensemble gibt, geschweige denn ein eignes Orchester, Anfang September eine «Götterdämmerung»-Premiere stattfand, die sich musikalisch und szenisch mit Produktionen großer Häuser messen kann, ist wunderbar genug, doch der «Ring», der sich hier rundete, ist das Ergebnis jahrelanger Vorarbeit. Auch ist das Mindener Theaterchen aus der Gründerzeit mit 526 Plätzen an sich viel zu klein für Wagners Musikdramen. Dennoch sind seit dem Initialfunken des «Fliegenden Holländer» 2002 hier schon fast alle Wagner’schen Hauptwerke (ausgenommen «Parsifal» und «Die Meistersinger») realisiert worden, und zwar nach dem «Mindener Modell», mit dem Orchester auf offener Bühne. Was einerseits dem ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Eleonore Büning
Im Grunde genügt ein kurzer Blick ins Autograph, um zu verstehen, warum Franz Liszts unvollendete Oper «Sardanapalo» ihr Dasein lange Zeit nur als musikwissenschaftliche Fußnote fristete. Was der Komponist da in den späten 1840er-Jahren mit hellbrauner Tinte in sein Notizbuch schrieb, ist kaum mehr als ein ausgearbeitetes Fragment: Noten und Text sehen aus wie...
Der Komponist wollte das Stück nicht im Repertoire sehen – «Libuše» sollte besonderen Anlässen, nationalen Feierlichkeiten reserviert bleiben. Zwar haben es Regierungen aller Couleurs auch so gehalten, und das in heroischen Sekundintervallen wabernde Thema der Ouvertüre dient seit 1918 sogar als offizielle Fanfare des tschechoslowakischen, inzwischen bloß noch...
Man schreibt das Jahr 2004, da suchte das Theater Heidelberg einen Generalmusikdirektor. Ein Hannoveraner überzeugte beinahe alle – nur das Orchester hielt ihn mit 24 Jahren für zu jung. Widerwillig billigte es dem Aspiranten eine Probe-Aufführung zu, «Tannhäuser». Er kannte das Stück als Korrepetitor, dirigiert hatte er es nicht. Und so betrat er am 3. Juni,...
