Ich mach dich kalt
Frisch durchgeschmust sitzt Katerina Ismailowa auf der Bettkannte und singt: «Na warte!». Sie meint damit nicht ihren Liebhaber Sergej und kündigt auch nicht an, dass ab jetzt entschieden zurückgeschmust würde. Nein, sie meint ihren Mann Sinowi, dessen Schritte sie hört und den sie gar nicht mehr gebrauchen kann in ihrem Leben. «Na warte!», heißt so viel wie: «Dich mach ich kalt!». Auf Russisch: «Nu pogodi!».
Der Schlachtruf ist berühmt aus der Trickfilmreihe «Hase und Wolf», der sowjetischen Variante von «Tom und Jerry».
Jede Folge endete mit dem Schnauzenschnauben des vom Hasen gefoppten Wolfs: «Nu pogodi!» – «Na warte!». Peter Konwitschny wird das im DDR-Fernsehen oft genug gesehen haben; und vielleicht hat er sich jetzt daran erinnert, als er am königlich-dänischen Opernhaus in Kopenhagen zum ersten Mal in seiner Laufbahn «Lady Macbeth von Mzensk» von Dmitri Schostakowitsch inszenierte. Mit Tippelschrittchen, Augenplinkern und sonstigen Tapsigkeiten ist die Motorik der Personen auf der Bühne so anti-naturalistisch wie im Puppentheater oder im Trickfilm. Alles ist Spiel mit festen Regeln und Figuren. Aus dem Spiel und den Regeln kann man nicht ausbrechen. Es kommt nur darauf ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jan Brachmann
Es ist Oktober. Festivalzeit im irischen Küstenörtchen Wexford. In den Pubs plaudern Herren in black tie und Damen in Abendrobe mit Locals in Jogginghosen. Der Wind saugt die letzten Blätter aus dem kleinen Hain, den Opernenthusiasten auf der Ferrybank gepflanzt haben – ein Bäumchen für jedes neue Stück – und weht waagerechte Regenfäden über den River Slaney....
Es vergeht kein Monat, ohne dass neue hörenswerte Aufnahmen mit Countertenören auf den Markt kommen. Drei der vier Sänger, deren neueste Alben hier vorzustellen sind, gehören schon zu den etablierten Vertretern ihres Fachs. Der junge Italiener Raffaele Pe ist noch nicht so bekannt, und ob es ihm gelingen wird, zu den Stars der Countertenorszene aufzuschließen,...
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus...
